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Kreisau (Krzyżowa) – der Kreisauer Kreis

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Die gemalten Häuser auf dem DIN-A4-Blatt, welches Besucher an der Information erhalten, bilden ein Karree. Ein Schloss, eine Kirche, Zäune und Wege sind zu erkennen. Es ist eine einfache Darstellung, ohne Perspektive und ohne Schatten, mit schiefen Hauswänden und runden Ecken. Ein wenig erinnert die Zeichnung an naive Malerei, wie sie in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam. Jedes Haus ist mit einer Nummer versehen und wird in einer Legende kurz beschrieben: 5 – Schloss: Ausstellung, Seminarräume, Bibliothek, Buchladen; 9 – Scheune: Sporthalle, Konzertsaal; 11 – Berghaus: Seminarräume, Gedenkraum, Wohnungen. Es handelt sich um den Lageplan des früheren Familiengutes der Familie von Moltke in Kreisau (heute Krzyżowa).

Schloss Gut Kreisau (Krzyżowa)Polen Fotos
Im Schloss des Guts Kreisau (Krzyżowa) informiert eine Ausstellung über oppositionelle Gruppen im Dritten Reich und den kommunistischen Regimen in Mittel- und Osteuropa. Fotos: Frank Hilbert

Während des Zweiten Weltkrieges fanden auf dem Gut der Familie von Moltke in Kreisau, das in der damaligen Provinz Niederschlesien lag, drei geheime Treffen (22. bis 25. Mai 1942, 16. bis 18. Oktober 1942 und 12. bis 14. Juni 1943) statt, auf denen Oppositionelle über eine Nachkriegsordnung in Deutschland ohne die Nationalsozialisten diskutierten. Die Gruppe erhielt später von der Gestapo den Namen „Kreisauer Kreis“. Die beiden führenden Köpfe waren Helmuth James Graf von Moltke und Peter York von Wartenburg. Im Unterschied zu vielen anderen Widerstandsgruppen gehörten ihre Mitglieder den verschiedensten sozialen Schichten und Konfessionen an und vertraten unterschiedliche politische Auffassungen: Konservative, Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, Sozialdemokraten und Adlige. Es galt soziale und weltanschauliche Gegensätze, die zwischen den Mitgliedern bestanden, bei der Planung einer Nachkriegsordnung zu überwinden. In den Jahren 1942 und 1943 setzte ein intensiver Diskurs ein, aus dem sich eine politische Zielrichtung ablesen lässt. Den Kreisauern schwebte ein Mittelweg zwischen Markt- und Planwirtschaft und ein föderativer deutscher Staat vor, der in einen europäischen Staatenbund eingebettet ist.

Auflösung und Verfolgung

Im Frühjahr 1944 löste sich der Kreisauer Kreis auf, nachdem Helmuth James Graf von Moltke von der Gestapo verhaftet worden war. Grund für seine Verhaftung war aber nicht seine Widerstandstätigkeit im Kreisauer Kreis. Verhaftet wurde er, weil er Otto Carl Kiep, einen Kollegen in der Abwehr, vor einer möglichen Verhaftung gewarnt hatte. Erst im Zuge der Ermittlungen um das missglückte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze in der damaligen Provinz Ostpreußen (heute Wojewodschaft Ermland und Masuren), an dem Mitglieder des Kreisauer Kreises beteiligt waren, erfuhren die Nationalsozialisten von der Widerstandsgruppe um Helmuth James von Moltke.
Nachdem Moltke verhaftet worden war, forcierte Peter York von Wartenburg die Zusammenarbeit mit den Verschwörern um Claus Schenk von Stauffenberg. Die Unterstützung bei der Planung für den Umsturz gingen so weit, dass auch Mitglieder des Kreisauer Kreises für die Regierung nach Hitler vorgesehen waren. Der Sozialdemokrat Julius Leber sollte den Posten des Innenministers übernehmen. Nach einem Treffen mit führenden Köpfen der Berliner Führung der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde Leber allerdings am 4. Juli 1944 verhaftet.
Unmittelbar nach dem Attentat auf Hitler begann in ganz Deutschland einer Verhaftungs- und Hinrichtungswelle, der auch Mitglieder des Kreisauer Kreises zum Opfer fielen. Zu ihnen gehörten unter anderem:

  • der Jurist Peter Graf Yorck von Wartenburg (hingerichtet am 8. August 1944 in Berlin-Plötzensee),
  • der Pädagoge Adolf Reichwein (hingerichtet am 20. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee),
  • der Journalist und SPD-Politiker Theodor Haubach (hingerichtet am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee) und
  • der Jesuitenpater Alfred Delp (hingerichtet am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee).
Installation
Freilichtausstellung "Mut und Versöhnung".

Die Familie von Moltke

Helmuth James Graf von Moltke stammt aus einer traditionsreichen preußischen Familie. Sein Urgroßonkel, Helmuth Karl Bernhard von Moltke, war Chef des preußischen Generalstabes und maßgeblich an den Siegen des Deutsch-Dänischen Krieges 1864, des Preußisch-Österreichischen Krieges im Jahr 1866 und am Deutsch-Französischen Krieg 1871 beteiligt, die auch als deutsche Einigungskriege bezeichnet werden. Er kaufte das Gut in Kreisau 1867 als Alterssitz. Da er keine Kinder hatte, erbte Helmuth von Moltke (1876-1939), der Vater von Helmuth James, 1891 den Gutshof.
Moltkes Mutter, Dorothy von Moltke, kam aus einem anderen kulturellen und politischen Umfeld. Sie war Südafrikanerin mit britischen Wurzeln und Tochter des Obersten Richters (Chief Justice) der Südafrikanischen Union, Sir James Rose Innes (1855-1942). Dorothy lernte Helmuth von Moltke auf einer Europareise mit ihrer Mutter im Jahr 1902 kennen. Helmuth von Moltke soll sich sofort in die Achtzehnjährige verliebt haben und drei Jahre später heirateten sie in Pretoria. 1907 wurde ihr erstes von fünf Kindern, Helmuth James von Moltke, geboren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse im deutschen Kaiserreich empfand Dorothy von Moltke als bedrückend und das Dreiklassenwahlrecht bezeichnete sie als „eine Schande für ein Kulturvolk“. Sie begrüßte den Untergang des deutschen Kaiserreiches und die Entstehung der demokratischen Weimarer Republik. Schon 1910 schrieb sie an ihren Vater:

Jemand muss die Mauer der Traditionen und Vorurteile einreißen und die Luft der Freiheit hereinlassen, sodass sich Individualitäten (etwas was beim Adel in Deutschland sehr fehlt) entwickeln können.

Nach dem Ersten Weltkrieg, als auch Frauen in Deutschland an die Wahlurnen gehen durften, wählte sie die linksliberale Deutsche Volkspartei (DVP).
In diesem liberal-angelsächsisch geprägten Umfeld wuchs Helmuth James Graf von Moltke auf, und es verwundert nicht, dass er im Gegensatz zu vielen anderen seiner Standesgenossen die Nationalsozialisten von Anfang an ablehnte. Durch seine Mutter bestanden enge Kontakte nach England, wo er, der Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin und Breslau (Wrocław) studiert hatte, in den 1930er Jahren sogar eine Zulassung als Anwalt erhielt. Eine Stelle als Richter in Deutschland lehnte er 1935 ab, weil er dann in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) hätte eintreten müssen.
Von den Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten erfuhr Moltke spätestens durch seine Tätigkeit als Fachmann für Kriegs- und Völkerrecht beim Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht, und er fragte sich:

Darf ich das erfahren und trotzdem in meiner geheizten Wohnung am Tisch sitzen und Tee trinken? Mach ich mich damit nicht mitschuldig?

Moltke stand im Zusammenhang mit dem Hitler-Attentat ebenfalls als Angeklagter vor dem Volksgerichtshof. Ihm konnten jedoch keine Verbindungen zu den Verschwörern vom 20. Juli nachgewiesen werden. Deshalb wurde er wegen seiner Aktivitäten im Rahmen des Kreisauer Kreises zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 23. Januar in Berlin-Plötzensee vollstreckt. In einem Abschiedsbrief an seine Söhne schrieb er:

Ich habe mein ganzes Leben, schon in der Schule, gegen einen Geist der Enge und der Unfreiheit, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor Anderen, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck im nationalsozialistischen Staat gefunden hat.

Die Stiftung Kreisau und die Ausstellung

Am 12. November 1989 trafen sich die damaligen Regierungschefs von Polen und Deutschland, Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl, auf dem ehemaligen Gut der Familie Moltke in Kreisau und nahmen an einer „Versöhnungsmesse“ teil. Zu diesem Zeitpunkt bestanden bereits Pläne, das Gut zu einer internationalen Begegnungsstätte umzuwandeln. 1990 erhielt die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, die zuvor vom „Klub der Katholischen Intelligenz“ gegründet worden war, das Grundstück und die Gebäude des Gutes für einen symbolischen Preis vom polnischen Staat. Mit finanzieller Unterstützung (29 Mio. DM) der „Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit“ wurde das Gut Kreisau grundlegend renoviert und 1998 konnte die Begegnungsstätte offiziell eröffnet werden.

Besucher erwartet in Kreisau eine Ausstellung im Schloss, die sich mit Widerstandsgruppen in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Sie informiert über den Kreisauer Kreis, die Helsinki-Gruppen in Mittel- und Osteuropa, über die Katholische Kirche in Litauen, die Friedensgemeinschaft Jena in der DDR und die Gewerkschaft Solidarität (Solidarność) in Polen. Die Informationstafeln in der Ausstellung sind dreisprachig: auf Deutsch, Englisch und Polnisch.
Etwa einen Kilometer entfernt vom Schloss befindet sich das Berghaus, das die Familie von Moltke seit 1928 aus finanziellen Gründen bewohnte und in dem die drei geheimen Treffen des Kreisauer Kreises stattfanden. Ende der 1920er Jahre war das Gut überschuldet und ein Konkurs konnte nur abgewendet werden, indem Helmuth James von Moltke den Gutsbetrieb in eine GmbH umwandelte, an der die Gläubiger beteiligt waren. Mithilfe eines Umschuldungskredites der Deutschen Industriebank ging der Betrieb 1935 wieder in den Besitz der Familie über. Bis dahin erhielt die Familie als Einkommen aus dem Gutsbetrieb nur Produkte, die in Kreisau produziert wurden.
Der Spaziergang zum Berghaus führt an Gehöften und Feldern vorbei.
Am einstigen Besitz der Familie von Moltke gibt es einen ausreichend großen Parkplatz und ein Restaurant neben der Kasse lädt zum Verweilen ein. (fh)

Karte

Landkarte von Polen mit Kreisau (Krzyżowa)

Wetter

Krzyżowa

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(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Kontakt

Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung (Fundacja “Krzyżowa” dla Porozumienia Europejskiego)
Krzyżowa 7
58-112 Grodziszcze
Tel.: +48 74 8500300
Fax: +48 74 8500305
E-Mail: mdsm@krzyzowa.org.pl
Internet: krzyzowa.org.pl

Karte

Kreisau - Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, Krzyżowa 7, 58-112
Kreisau - Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, Krzyżowa 7, 58-112 Grodziszcze (Google Maps)