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Stare Jatki (Alte Fleischbänke)

In den Städten des Hochmittelalters bildeten die Fleischhauer und Metzger ein stark reglementiertes Zunftwesen und waren - wie alle Zünfte - in bestimmten Stadtvierteln konzentriert. Um bessere Hygiene und Qualität zu gewährleisten, wurden die im städtischen Schlachthof geschlachteten Tiere in direkt nebeneinanderliegenden Verkaufsstätten, den sog. "Fleischbänken" (lateinisch: mensae carnificium), die meist zentral in der Nähe des Marktplatzes lagen, zerlegt und verkauft.

Fleischbänke in Breslau
Die „Stare Jatki“ (Alte Fleischbänke) war das Zuhause der Fleischerzunft. Tierskulpturen sollen an diesen Teil der Geschichte der Gasse erinnern. Foto: Frank Hilbert

Zunächst wurden für den Verkauf einfache, mobile Wagen benutzt. Diese wichen mit der Zeit festen Verkaufsständen, die durch Bogengänge vor der Sonne geschützt und häufig unterkellert waren, um die schnell verderbliche Ware vor Licht und Wärme zu schützen. Mit zunehmenden Wohlstand bauten die Fleischer über den Verkaufsständen mehrstöckige Häuser für ihre Familien, ihre Gesellen und die Dienerschaft. Tierisches Blut und Abwässer wurden über einen Rinnstein in der Mitte der Gasse abgeführt.

Die Schlachthöfe selbst lagen meist außerhalb der Stadtmauer, da die mit der Entsorgung der Schlachtabfälle verbundenen Gewerbe oft zu den "unehrlichen Handwerken" gehörten und deshalb nicht in der Stadt selbst ansässig sein durften. In Breslau (Wrocław) war die Fleischerzunft in der kleinen Gasse "Stare Jatki" (Alte Fleischbänke) zusammengefasst. Fleisch gehörte im Mittelalter zu den teuersten und wichtigsten Handelsgütern, die sich hauptsächlich nur reiche Bürger und der Adel leisten konnten. Die Fleischerzunft war eine der ältesten und wohlhabendsten und geht in Breslau auf das Jahr 1175 zurück. Die Schlachtung von Tieren, die Lagerung und der Verkauf von Fleisch wurden vom Breslauer Magistrats wurden streng geregelt. So war zum Beispiel im Sommer der Fleischverkauf nur vom Tag der Schlachtung an bis 3 Uhr des darauffolgenden Tages erlaubt. Restbestände, die nicht verkauft wurden, mussten entsorgt werden. Der Fleischhandel war für die Stadt so bedeutend, dass sie dafür das "Meilenrecht" einführte. Ohne die Genehmigung der Stadt durfte niemand im Umkreis von einer Meile (In Breslau entsprach eine Meile ca. 7 Kilometern.) um die Stadt das Fleischergewerbe betreiben. Das Meilenrecht sollte nicht nur unliebsame Konkurrenz fernhalten, sondern hatte auch den Vorteil, dass Auswärtige, die zum Fleischeinkauf in die Stadt kamen, hier noch mehr Geld zurückließen: Sie nutzten die Gelegenheit, um weitere Besorgungen zu machen, in den städtischen Wirtshäusern zu speisen und nächtigen. Damit trugen sie zum Wohlstand Breslaus bei.

Die alten Fleischbänke wurden in Breslau noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts gemäß ihrer ursprünglichen Bestimmung genutzt. Danach zogen zunehmend andere Gewerke und Händler wie Goldschmiede und Spiegelmacher in die Häuser ein, deren "saubereres" Geschäft besser in das Bild eines modernen Stadtzentrums passte. Bei einem Artilleriebeschuss im Zweiten Weltkrieg wurde die Gasse so stark beschädigt, sodass man in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts überlegte, die Häuser gänzlich abzureißen. Zum Glück besann man sich doch noch auf die Einzigartigkeit der historisch wertvollen Gebäude und führte ausführliche Restaurierungsarbeiten durch, bei denen jedoch leider so manches Ornament und architektonische Detail der alten Häuschen unwiederbringlich verloren ging. Heute gehört Stare Jatki zu den zauberhaftesten Gassen der Breslauer Altstadt, und in die Häuser der ehemaligen Fleischer zogen Kunstgalerien, Ateliers, Schmuckstände, Lädchen mit Künstlerbedarf und urige Kneipen ein. Zu den größten Attraktionen von Stare Jatki – insbesondere für die Kinder – gehört eine Bronzeplastik, die mehrere Nutztiere in ihrer natürlichen Größe darstellt. Die Plastik von Piotr Wieczorek soll der traditionellen Rolle und der Geschichte der Straße gedenken. Die Inschrift der kleinen Tafel am Fuße des Denkmals lautet: "Den Schlachttieren zur Ehre – die Konsumenten". (fh)