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Warschauer Ghetto

Muranów, ein leicht erhöht gelegenes Viertel von Warschau (Warszawa) mit eintöniger Architektur der 1950er Jahre. Wie mit einem Lineal gerade gezogene, staugeplagte Straßen, die einem Kontrast zu den städteplanerisch wohlüberlegt begrünten Innenhöfen und Freiflächen zwischen den Häusern bilden. Eine Frau versucht, ihre plärrende Tochter aus dem Kindersitz ihres Cinquecento zu heben, zwei Omis unterhalten sich angeregt und schlabbern nebenbei Eis, eine Menschenschlange strömt den in Sonnenstrahlen getauchten Bürgersteig herunter. Ein ganz normaler, geschäftiger Wochentag. Eine ganz normale Stadt, würde man meinen. Keiner käme beim Anblick der friedlichen Siedlung auf die Idee, dass sie auf dem wohl schaurigsten Friedhof Europas, den ein bis heute nicht geräumtes und unter einer dicken Erdschicht verborgenes Ruinenmeer bedeckt, erbaut worden ist.

Umschlagplatz in Warschau
"Umschlagplatz" in Warschau. Foto: Marcin Socha

Fragt man einen der heutigen Einwohner von Muranów nach der Geschichte ihres Viertels, erntet man ein verständnisloses Schulterzucken. Die Toten liegen viel zu tief, als dass sie den Schlaf der Lebendigen beeinträchtigen könnten. Nur auf Ruhestörung wie zu pietätlose Erdarbeiten reagiert das Grab mit einem kalten Atem von angesengten Fundamenten, Gegenständen, deren Funktion längst vergessen wurde, Schriftrollen, die keiner mehr lesen kann oder Knochen von Menschen, die keine Namen oder Nachfahren haben, und konfrontiert das 21. Jahrhundert unvermittelt mit der Erinnerung an ein Leben vor 1939.

Kleine Handwerker, Händler und Arbeiter

Das jüdische Viertel "Nordviertel" oder „Nalewki“, wie es vom Volksmund genannt wurde, nahm vor dem Zweiten Weltkrieg ein Fünftel der Gesamtfläche Warschaus ein und war vorwiegend mit Mietshäusern aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bebaut. Das Viertel bildete eine kleine, autonome Enklave. Seine Bewohner waren vorwiegend kleine Handwerker, Händler und Arbeiter, die ein um ein vielfaches einfacheres Leben führten als das jüdische Bildungsbürgertum, das vornehmere Viertel Warschaus bewohnte und als assimiliert galt. Das Leben der Bewohner des jüdischen Viertes war sehr durch Tradition und Religion geprägt. Der Anblick von langen Kaftanen und Schläfenlocken gehörte zum Alltag. Überall konnte man Jiddisch vernehmen. Polnisch wurde selten gebraucht, und wenn, dann verriet der starke Akzent die Herkunft des Sprechers. Von früh bis spät herrschte auf den Straßen ein geschäftiges Treiben.

Ghettodenkmal in Warschau
Ghettodenkmal in Warschau, vor dem am 7. Dezember 1970 der damalige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt, symbolisch durch einen Kniefall um Vergebung für die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg bat. Mit dieser Geste der Versöhnung hat Brandt, der im Zweiten Weltkrieg selbst im Widerstand war, einen entscheidenden Beitrag zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen beigetragen. In die Geschichtsbücher ist die Geste Brandts als "Kniefall von Warschau" eingegangen.

Abriegelung des Ghettos

Eine Zäsur bedeutete der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Bereits während der Belagerung Warschaus im Herbst 1939 ließen die Deutschen gezielt Bomben auf das jüdische Viertel fallen. Im Oktober 1940 befahlen die Deutschen allen jüdischen Bewohnern Warschaus innerhalb von sechs Wochen in das „Jüdische Wohnbezirk“ umzuziehen. Das Ghetto wurde mit einer 18 Kilometer langen und 3 Meter hohen Mauer vom Rest der polnischen Hauptstadt abgeriegelt. Bald kamen Deportierte aus anderen Landesteilen, aus dem deutschen Reichsgebiet und aus dem von den Deutschen besetzten Ausland hinzu. Rund 500.000 Menschen wurden im Ghetto zusammengepfercht. (Zum Vergleich: Im Jahr 1939 waren in Warschau 1,3 Millionen Menschen gemeldet. Davon waren 350.000 Juden.) Wegen Überfüllung machten sich Krankheiten und Hunger breit, Gewalt und Tod waren ein ständiger Begleiter der verzweifelten Menschen. Schließlich diente das Ghetto als Übergangslager für Deportationen in die Vernichtungslager. Zu Ostern 1943 wagten jüdische Widerständler einen Aufstand, der von den Deutschen unter der Leitung des SS-Generals Jürgen Stroop blutig niedergeschlagen wurde. Anschließend sprengten die Deutschen Haus für Haus und machten so den gesamten Bezirk dem Erdboden gleich. Nach dem Krieg sollte er nicht wiederaufgebaut werden. Heute erinnern nur noch ein paar Häuser, der Friedhof in der Okopowa-Straße, die Nozyk-Synagoge und einige Mauerreste an das jüdische Viertel. (fh)

Anmerkungen

Weiterführende Literatur:

  • Władysław Szpilmann: Der Pianist

  • Janusz Korczak: Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942

  • Paule du Bouchet: Sing, Luna, sing

  • Adam Czerniaków: Das Tagebuch des Adam Czerniaków

  • Andrea Löw: Das Warschauer Ghetto

  • Janina Baumann: Als Mädchen im Warschauer Ghetto

  • Janina David: Ein Stück Himmel. Erinnerungen an eine Kindheit

  • Beata Chomątowska: Stacja Muranów