Polish Online
Polen: Übersetzungsdienst & Reiseinfos
Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

Hauptnavigation

Unternavigation Städte & Regionen

Festung und Altstadt Küstrin (Kostrzyn nad Odrą), Polen

Die an der Oder gelegene Kleinstadt Küstrin (Kostrzyn nad Odrą) kann mit einer imposanten Geschichte als Garnisonsstadt aufwarten. Johann Markgraf von Brandenburg-Küstrin (1513-1571) erhob die Stadt 1553 in den Rang einer Residenzstadt und begann mit dem Bau von Festungsanlagen. Der Preußenkönig Wilhelm I. ließt 1730 Hans-Hermann von Katte vor den Augen seines Sohnes Friedrich enthaupten. Es war die Strafe dafür, dass Katte seinem Freund Friedrich zur Flucht vor dessen Vater helfen wollte. 1945 tobte in und um Küstrin die Schlacht um Berlin. Die Küstriner Altstadt wurde vollständig zerstört und trägt auch den Beinamen "Pompeji an der Oder". Ein Ausflug nach Küstrin lohnt sich nicht nur wegen der Geschichte, sondern auch wegen der unberührten Natur, die die Stadt umgibt. Hier beginnt der über 8.000 Hektar umfassende Nationalpark Warthemündung (Park Narodowy Ujście Warty).

Straßenschild in der Altstadt Küstrin (Kostrzyn)Polen Fotos
Zerstörter Straßenzug in der Altstadt von Küstrin. Zweisprachige Schilder informieren über die historischen Straßennamen. Weil nur noch die Straßenzüge mit den Grundmauern und Kellern der Häsuer der Altstadt existieren, trägt Küstrin auch den Namen "Pompeji an der Oder". Fotos: Frank Hilbert

Untertanen mit Stockhieben gezüchtigt

"Lieben sollt ihr mich, ihr Kanaillen, lieben!" brüllte der preußische König Wilhelm I. einen Händler an, der zuvor vor ihm Reißaus genommen und auf die Frage nach dem Warum? geantwortet hatte: "Weil ich mich fercht." Die Angst war nicht unbegründet, denn Wilhelm verprügelte vermeintliche Faulpelze gern schon mal mit dem Stock, was sich bei den Untertanen herumgesprochen hatte. Die Liebe zu ihrem Landesvater förderten die Stockhiebe nicht, wie diese Anekdote zeigt. Streng und autoritär war auch die Erziehung seiner Kinder. Am 24. Januar 1712 brachte Wilhelms Gattin Sophie Dorothea von Hannover einen Jungen zur Welt: Friedrich, den späteren Friedrich II., Friedrich den Großen oder "Der Alte Fritz", wie er auch genannt wurde. Er soll ein sensibler und musisch begabter Junge gewesen sein. Eigenschaften, die sein Vater verabscheute. Schließlich sollte Friedrich den in Preußen begonnenen Aufbau einer effektiven Verwaltung und des riesigen Heeres, das schon zu Lebzeiten von Wilhelm 80 Prozent des Staatshaushaltes verschlang, fortsetzen. Vorschriften prägten deshalb den Tagesablauf des Thronfolgers, wie der folgenden detaillierten Anweisung des Vaters zu entnehmen ist:

Am Sonnabend soll des Morgens bis halb elf Uhr in der Historie, im Schreiben und Rechnen alles repetiert werden, was Er die ganze Woche gelernt hat, auch in der Moral desgleichen, um zu sehen, ob Er profitiert, so ist der Nachmittag vor Fritzen. Hat er aber nicht profitiert, so soll Er von zwei bis sechs Uhr alles repetieren, was er in den vorigen Tagen vergessen hat.

Der Sohn rebellierte. Zusammen mit seinen Freunden Peter Karl Christoph von Keith und Hans Hermann von Katte plante er 1730 die Flucht vor seinem despotischen Vater. Eine günstige Gelegenheit zur Flucht bot eine Reise nach Süddeutschland. In Steinsfurt wurden die Fluchtpläne aufgedeckt und Wilhelm ließ seinen Sohn und Katte verhaften, während von Keith die Flucht nach England gelungen war. Die Rache des Vaters war grausam. Wilhelm ließ Katte zum Tode verurteilen. Damit noch nicht genug. Friedrich, der in der Festung Küstrin eingekerkert war und nichts von der Verurteilung wusste, wurde am frühen Morgen des 6. Novembers 1730 geweckt. Zwei Stunden später enthauptete der Henker den jungen Katte vor den Augen des Thronfolgers. An der Hinrichtungsstätte in Küstrin erinnert eine Informationstafel an das Ereignis vor nicht ganz 200 Jahren.

Postomia fließt bei Küstrin in die Warte
Am Zusammenfluss von Warthe und Postomia in Küstrin.

Vom Schloss, von der Marienkirche und dem Rest der Küstriner Innenstadt rundherum sind nur noch Grundmauern, Hauseingangstreppen und verschüttete Keller übrig. Die Altstadt und die Festungsanlagen wurden 1945 in Schutt und Asche gelegt. Teile der Festungsanlagen sind in den vergangenen Jahren rekonstruiert worden. So auch das Berliner Tor, in dem sich heute die Touristeninformation befindet. Zwei ältere Herren stehen vor den Schautafeln einer kleinen Ausstellung, die sich hier befindet. "Hätte dieser Reinefarth, dieser Idiot, die Stadt nicht kampflos aufgeben können. Dann stünde die Altstadt heute noch", sagt einer der beiden und erntet ein zustimmendes Kopfnicken des Anderen. Im Februar 1945 beauftragte Adolf Hitler SS-General Heinz Reinefarth mit der Verteidigung der "Festung Küstrin". Reinefarth gehörte zu den schlimmsten Kriegsverbrechern. Er war maßgeblich an der Zerschlagung des Warschauer Aufstandes im Jahr 1944 beteiligt und für die Ermordung tausender Warschauer verantwortlich. In Polen bekam er deshalb den Beinamen "Henker von Warschau". Nach dem Krieg machte er als einziger ehemaliger SS-General in der Bundesrepublik Karriere in der Politik, zunächst als Bürgermeister in Westerland auf Sylt und später als Abgeordneter im Landtag von Schleswig-Holstein in Kiel. Dass eine kampflose Übergabe der Festung die Zerstörung der Altstadt verhindert hätte, kann jedoch bezweifelt werden. Westlich der Altstadt floss die Oder und dahinter erhoben sich die Seelower Höhen. Der Fluss und die Seelower Höhen bildeten ein natürliches Hindernis, das von den deutschen Truppen gegen die heranrückende Rote Armee leicht verteidigt werden konnte. Hier tobte die letzte große Schlacht vor der Einnahme der Reichshauptstadt Berlin 1945. Zehntausende Soldaten auf beiden Seiten verloren bei den Kämpfen ihr Leben.

Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 wurde die Westverschiebung Polens endgültig besiegelt und damit auch das Schicksal von Küstrin. Der am östlichen Ufer der Oder gelegene Teil - die Festung mit der Altstadt und die Neustadt - wurde Teil des polnischen Staatsgebietes. Auf deutscher Seite liegen der Stadteil Küstriner Kiez, einige Kasernen, die noch bis zum Zusammenbruch des Ostblocks von der Roten Armee genutzt worden sind, und der einstige Bahnhof der Altstadt. Die Kasernen und der Bahnhof sind dem Verfall preisgegeben.

Sehenswertes

Die Steine der zerstörten Altstadt wurden nach dem Krieg abgetragen und für den Wiederaufbau von Warschau verwendet. Den historischen Stadtkern bauten die neuen polnischen Bewohner nicht wieder auf. Das Leben spielt sich heute in der einstigen Neustadt ab. Ein Besuch von Küstrin lohnt sich dennoch. Teile der Bastionen der Festung wurden rekonstruiert und beherbergen ein Museum, das sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt, die sich natürlich nicht nur auf die Hinrichtung Kattes und das Ende des II. Weltkrieges reduzieren lässt. Die Stadt grenzt zudem direkt an den Nationalpark Warthemündung (Park Narodowy Ujście Warty). Bei Wanderungen oder Fahrradtouren entlang der Oder und der Warthe kann man die fast unberührte Natur erkunden und genießen. Am Rande von Küstrin hat die Nationalparkverwaltung ihren Sitz. Besucher haben hier von der Plattform eines Aussichtsturms aus einen sehr schönen Blick über den Nationalpark und die Stadt. In den kleinen Dörfern um Küstrin herum scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Verfallene Schlösser, Gutshöfe und Bauernhäuser versrprühen ihren eigenen urigen Charme.

Der Alte Fritz

Zum Schluss bleibt noch die Frage, was aus Friedrich geworden ist? Er ist in die Fußstapfen seinen Vaters getreten und hat dessen Werk vollendet. Mehr noch: Wilhelm I. war außenpolitisch sehr vorsichtig und vermied jede militärische Auseinandersetzung, obwohl er eine der größten Armeen Europas sein Eigen nennen konnte. Aus dieser Zeit stammt der Spruch "So schnell schießen die Preußen nicht." Ganz anders Friedrich der Große. Zwischen 1740 und 1763 trotzte er Maria Theresia, der regierenden Erzherzogin von Österreich, in drei Kriegen Schlesien und das Glatzer Land ab. Die drei Kriege gingen als die Schlesischen Kriege in die Geschichtsbücher ein, wobei der dritte auch als Siebenjähriger Krieg bezeichnet wird. Danach musste Maria Theresia im Frieden von Hubertusburg endgültig auf Schlesien verzichten. (fh)

Karte

Landkarte Polen mit Küstrin (Kostrzyn nad Odrą)

Wetter

Kostrzyn nad Odrą

Wetter Polen Luftfeuchte:
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Einwohner

ca. 18.000 (Stand 2014)

Sehenswürdigkeit

Festungsmuseum Küstrin (Muzeum Twierdzy Kostrzyn)
ul. Graniczna 1
66-470 Kostrzyn nad Odrą
Tel.: +48 95 752 23 60
E-Mail: muzeum@kostrzyn.um.gov.pl
Internet: www.muzeum.kostrzyn.pl

Anmerkung:
Das Museum befindet sich in der Bastion Phillip im Südosten der Festungsanlage.

Touristeninformation

Informacja Turystyczna
ul. Berlińska 1
66-470 Kostrzyn nad Odrą
Tel.: +48 95 607770603

Karte

Küstrin (Kostrzyn nad Odrą), ul. Berlińska 1, 66-470
Küstrin (Kostrzyn nad Odrą), ul. Berlińska 1, 66-470 Kostrzyn nad Odrą (Google Maps)