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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Gastfreundschaft geht in Polen durch den Magen

Gastfreundschaft wird in Polen großgeschrieben, ganz besonders, wenn es um die Bewirtung des Gastes geht. Diese Erfahrung durfte ich gleich bei einem meiner ersten Aufenthalte in Polen machen.

Gedeckter Ostertisch
Gedeckter Ostertisch in einer polnischen Familie. Foto: Frank Hilbert

Ich verbrachte einen Wanderurlaub in den Saybuscher Beskinden (Beskid Żywiecki), einem kleinen Gebirge, das zwischen der Hohen Tatra und Krakau (Kraków) liegt. Meine Gastgeber war die Familie Kowalski. Das ältere Ehepaar Kowalski betrieb einen Ferienhof, der regelmäßig auf Kinder- und Jugendgruppen zu Besuch hatte. Jeden Morgen brachen meine junggebliebene Frau und ich zu ausgedehnten Wandertouren in die Berge auf. Unterwegs stärkten wir uns, wie es sich für ordentliche Wanderer gehört, in Berghütten. Abends kehrten wir erschöpft, aber glücklich auf unseren Ferienhof zurück. Von weitem sahen wir schon Frau Kowalska auf der Türschwelle in ungeduldiger Erwartung stehen. Neugierig fragte sie uns, wie der Tag verlaufen sei. Ob wir schönes Wetter gehabt hätten und wo wir gewandert seien. Während wir von unseren Abenteuern berichteten, verdichteten sich die Sorgenfalten im Gesicht unserer Gastgeberin. „Dzieci“ (Kinder), sagte sie dann. „Ihr habt bestimmt ordentlich Hunger.“ „Wir haben bereits ausgiebig gespeist“, antworteten wir abwehrend. Doch Frau Kowalska hörte gar nicht zu und verschwand in ihrer geräumigen Wohnküche, um gleich wieder mit zwei großen Tellern dampfender Suppe zurückzukehren. „Wenigstens ein kleines Süppchen müsst ihr essen, Kinder. Nach so einer langen und anstrengen Wandertour müsst ihr unbedingt wieder zu Kräften kommen.“

Widerstand ist zwecklos

Damals war ich mit den Gewohnheiten polnischer Gastfreundschaft noch nicht bis ins letzte Detail vertraut und ich löffelte die vorzüglich schmeckende Suppe bis auf den letzten Tropfen in mich hinein, nicht ohne die Kochkünste meiner Gastgeberin wiederholt zu loben. „Esst erstmal in Ruhe eure Suppe.“ Mit diesen Worten verschwand Frau Kowalska erneut in der Küche, und trug alsbald den zweiten Gang auf. Wieder beteuerte ich mehrmals, ich sei bereits satt und hätte keinen Kubikmillimeter Platz mehr in meinem Magen. Meine Gastgeberin schaute mich betrübt und zugleich mit dem energischen Ausdruck einer gestrengen Großmutter an, die keinen Widerspruch duldet. Es half nichts. Meine Gastgeberin konnte ich nicht einfach vor den Kopf stoßen, indem ich das Essen zurückwies. Das wäre ausgesprochen unhöflich gewesen. Das Schauspiel wiederholte sich jeden Tag. Bereits nach drei Tagen hatte ich begriffen: Widerstand ist zwecklos! Es gibt keinen Weg um das leckere Essen aus den Kochtöpfen von Frau Kowalska herum. Von nun an nahmen meine Frau und ich in den Bauden nur noch eine Kleinigkeit zu uns, um unsere knurrenden Mägen zu beruhigen, und ergaben uns abends auf dem Ferienhof der aufgezwungenen Völlerei.

Zugegeben, auch in polnischen Pensionen ist es eine große Ausnahme, jeden Abend kostenlos beköstigt zu werden. Zudem befand ich mich in einer etwas peinlichen Lage, weil es keine Möglichkeit gab, mich für die Gastfreundschaft durch Gegeneinladungen zu revanchieren.
Wie dem auch sei. Ist man bei einer polnischen Familie zu Gast, wird grundsätzlich etwas zu essen serviert. Und wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Ein einfaches „Nein danke, ich habe keinen Hunger“ hilft nichts. Einen Nachschlag soll man übrigens verhindern können, indem man nicht alles aufisst, sondern eine Kleinigkeit auf dem Teller übriglässt. Dieser Rest soll den Gastgebern signalisieren, man habe keinen Hunger mehr. Mit viel Glück wird es funktionieren. (fh)