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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Der Zweite Weltkrieg und die Polenfrage

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Merken Sie sich eines, Zygmunt Michajlowitsch. In der Politik gab es noch nie irgendwelche Sentimentalitäten, und es wird auch nie welche geben. Und nun - auf Wiedersehen.

Mit diesem Worten verabschiedete Josef Stalin im Frühjahr 1943 auf dem Kreml den polnischen General Zygmunt Berling. Berling wurde gerade zum Befehlshaber der polnischen Infanteriedivision designiert, die in der UdSSR gebildet und nach dem polnischen (und amerikanischen) Nationalhelden Tadeusz Kościuszko benannt wurde. Diese Begebenheit trug sich im April 1943 zu, knapp zwei Monate nach der Stalingradniederlage der 6. Armee von General Paulus. Für viele Historiker markiert diese Niederlage der deutschen Streitkräfte bei Stalingrad den Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg und den Beginn des Untergangs des Dritten Reiches.

Aber kehren wir zunächst in das Jahr 1939 zurück. Bereits im August 1939 wurde zwischen Deutschland und der Sowjetunion der sog. "Ribbentrop-Molotow-Pakt" geschlossen, ein geheimes Abkommen, in dem zwischen den beiden Ländern ein Überfall auf Polen vereinbart wurde. Am 1. September griffen deutsche Truppen Polen an, kurz darauf, am 17. September, marschierte die Rote Armee in den Osten Polens ein. Im Oktober 1939 war Polen bereits zwischen seinen beiden Nachbarn aufgeteilt.
In einer öffentlichen Ansprache erklärte der sowjetische Außenkommissar Wjatscheslaw Molotow, endlich habe die "Missgeburt des Versailler Vertrages" - sprich: Polen - aufgehört zu existieren.

Tausende von Offizieren, Unteroffizieren und auch einfache Soldaten der unterlegenen polnischen Armee gerieten in die deutsche und in die sowjetische Gefangenschaft. Diejenigen polnischen Soldaten, die vor der Wehrmacht kapituliert haben und in deutsche Kriegsgefangenenlager gekommen sind, konnten von einer Art Glück sprechen. Mit denjenigen jedoch, die in die sowjetische Gefangenschaft gerieten, meinte das Schicksal es weiniger gut. Warum? Diesem Thema werden wir uns an anderer Stelle widmen.

Fakt ist, dass die polnische Regierung, die ihr Land verließ und anschließend in Rumänien interniert wurde, niemals eine Kapitulation oder einen Waffenstillstand mit dem Dritten Reich unterzeichnet hatte, wie es z. B. der "Verbündete" Polens, Frankreich, im Juni 1940 getan hatte. Um eine Kontinuität der Regierung und der konstitutionellen (formellen) Grundlage für die Existenz des polnischen Staates zu gewährleisten, wurde in Frankreich die polnische Exilregierung gebildet, der vom letzten amtierenden Präsidenten im Vorkriegspolen, Ignacy Mościcki, formell die Regierungsgewalt übertragen wurde. Premierminister und Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte wurde der General Władysław Sikorski. Zum Präsidenten wurde Władysław Raczkiewicz ernannt.

Zur gleichen Zeit strömten tausende von Polen, die in ihrer Heimat der Gefangennahme entgehen konnten - nach einem kurzen Zwischenstopp in Internierungslagern in Rumänien oder Ungarn - über Italien bzw. Jugoslawien nach Frankreich oder in den Nahen Osten. Diese polnischen Soldaten, die in Frankreich zwei Infanteriedivisionen, eine Panzerbrigade und eine Gebirgsjägerbrigade bildeten, bezeichnete der Propagandaminister des Dritten Reichs, Joseph Göbbels, ironisch als "Touristen des Generals Sikorski".

Diese "Touristen" kämpften tapfer im Frankreichfeldzug, und nach der Niederlege und Kapitulation Frankreichs gelang ein Teil von ihnen in die Schweiz, wo sie interniert wurden. Andere wiederum schlugen sich nach Großbritannien durch, der "Insel der letzen Hoffnung". Nach England zog schließlich auch die polnische Exilregierung um. Hier fanden zur gleichen Zeit auch die Regierungen Tschechiens, Norwegens und Hollands Asyl. Die ersten Polen, die - ihren Verpflichtungen als Verbündete nachkommend - im Herbst 1940 in der berühmten "Schlacht um England" teilnahmen, waren polnische Piloten. Sie kämpften unerbittlich gegen die Bomber und Jagdflieger der deutschen Luftwaffe am englischen Himmel. Für sie war die Teilnahme an den Gefechten eine lang ersehnte Chance, Revange gegen den "polnische September" zu nehmen.
Schnell wurden die tapferen polnischen Piloten zu Helden erklärt, und sowohl die britische Regierung wie auch die britische Presse lobten in höchsten Tönen den Kampfgeist der Ausländer mit den für englische Zungen unaussprechlichen Namen. Nach der Lektion, die der deutsche General Heinz Guderian dem britischen Expeditionskorps bei Dünkirchen erteilt hatte, begriffen die Briten, dass in dem Kampf gegen die Deutschen jedes Paar Hände zählt.

Wie war die Situation der Polen in anderen Ländern Europas? Die in der Schweiz internierten Polen durften sich sogar weiterbilden und studieren. Ähnlich sah die Lage in Ungarn aus, wo man die polnischen Flüchtlinge mit bis heute unvergessener Herzlichkeit empfangen hatte. Dort fühlte sich der "Lengyel katona" (ung. "polnischer Soldat") fast wie zu Hause. Mit solcher Gastfreundschaft konnten die Polen in der Sowjetunion jedoch ganz und gar nicht rechnen.

Die Zeit zwischen Herbst 1940 und Juni 1941 brauchten die Deutschen und Sowjets, um ihre Beute zu verdauen. Die ersten, denen fast das gesamte Europa niedergestreckt zu Füßen lag, begannen in den unterworfenen Ländern eine brutale Herrschaft nach dem Prinzip der "deutsche Ordnung". In der Sowjetunion, die sich die "befreiten" baltischen Republiken (Litauen, Lettland, Estland) sowie einen Teil des polnischen Territoriums (westliches Weißrussland, ein Teil der Westukraine sowie ein Teil Podlachiens) einverleibt hatte, wurde die revolutionäre Doktrin, d. h., ein kommunistisches System nach sowjetischem Vorbild, eingeführt. Darüber hinaus bot die Situation eine günstige Gelegenheit, um endlich mit den polnischen "Herren" für den verlorenen Krieg von 1920 abzurechnen.

Über zwei Millionen Polen wurden aus ihrer Heimat verjagt und in weit entlegene Republiken in Asien deportiert. In der Nomenklatur des NKWD bezeichnete man diese Menschen als "SOE" ( russ. "socjalno opasnyj element"), als sozial gefährliches Element. Gefährlich für das sowjetische System. Doch stellten diese Menschen tatsächlich eine so große Gefahr dar? Diese polnischen Landbesitzer, kleinere Beamte, Vertreter der Intelligenz aus Wilna und Lemberg, ehemaligen Militärsiedler, Gymnasiasten, Frauen, Alte und Kinder?

Bereits während der mehrere Wochen andauernden Transporte begannen die schwere körperliche Arbeit nicht gewohnten Menschen wie die Fliegen zu sterben. Zunächst erlagen kleine Kinder und alte Menschen den Strapazen der Reise, die anderen starben nach der Ankunft am Zielort durch Frost, Schwerstarbeit und eine dauerhafte Unterernährung. Das Überleben wurde zum wichtigsten Ziel.

Nur einfache polnische Soldaten wurden von den Sowjets nach dem 17. September nach einer kurzen Inhaftierung wieder freigelassen. Nach der sowjetischen Auslegung gehörten diese einfachen Soldaten dem Stand der Arbeiter und Bauern, die gegen ihren Willen in den Kampf für die Interessen der polnischen Bourgeoisie eingezogen worden waren. Bedeutend intensiver interessierte sich der NKWD für die polnischen Offiziere, die zu tausenden die Lager u. a. in Ostaschkow, Kosielsk und Grjasowez füllten. Darunter befanden sich viele Reserveoffiziere, die meisten hervorragend ausgebildet (Universitätsprofessoren, Lehrer, Ärzte, Juristen). Es war die Elite der polnischen Nation. Sie erwies sich als erstaunlich widerstandfähig gegenüber der kommunistischen Indoktrination. Nur eine kleine Gruppe von ihnen hat überlebt - nach endlosen Verhören, nachdem sie seitenlange Formulare ausfüllen und die kommunistische Agitation über sich ergehen lassen mussten. Die meisten von ihnen - fast 5000 Menschen - blieben für immer in den Wäldern bei Smolensk, unweit eines kleinen Ortes namens Katyn, der in der polnischen Geschichte zum Inbegriff des Grauens wurde.

Der NKWD hatte ganze Arbeit geleistet. Tausende von wehrlosen Menschen wurden mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet und anschließend in langen Reihen in ausgehobene Gruben gelegt und mit Erde zugeschüttet. Zur Tarnung wurde auf dem noch frischen Massengrab ein Wäldchen gepflanzt. Es sollte nicht der einzige Ort in der ehemaligen UdSSR bleiben, an dem wehrlose polnische Gefangene ermordet wurden. Die Zahl der Opfer wird auf insgesamt ca. 15.000 geschätzt. An dieser Stelle wird hoffentlich klar, warum anfangs behauptet wurde, dass die in die deutsche Gefangenschaft geratenen polnischen Soldaten von einem gewissen Glück sprechen durften. Außer wenigen Ausnahmen (so z. B. die 50 Piloten, unter denen sich auch Polen befanden, die nach ihrer Flucht aus dem Oflag von Sagan gefasst und entgegen der Kriegskonvention erschossenen wurden) überlebten die meisten polnischen Offiziere die deutsche Gefangenschaft. Darüber hinaus wurden die Gefangenen von den Deutschen bei weitem nicht so brutal behandelt wie ihre Leidensgenossen von den Sowjets in der UdSSR.

Der Plan "Barbarossa"

Noch im Juni 1941, als die Deutschen ihre Armee, die Artillerie und die Panzergeschütze an strategischen Positionen am Bug - entlang der Grenze zwischen dem Dritten Reich und der UdSSR - aufstellten, rollten aus der Sowjetunion Güterwaggons voll Getreide, Fleisch und Eisenerz nach Deutschland. Der sowjetische Verbündete hielt sich an die Abmachungen von 1939. Um so größer war seine Überraschung, als am 22 Juni 1941 die deutsche Armee entlang der gesamten Westgrenze der UdSSR zum Angriff überging und damit den Plan "Barbarossa" in die Tat umsetzte. Bereits nach fünf Monaten voller Gefechte rückte die deutsche Armee vor die Tore Moskaus vor. Bis heute staunen die Historiker über das eigenartige Vertrauen, das Stalin (ein sonst durch und durch mísstrauischer Mensch) Hitler schenkte. Trotz Warnungen sowohl seitens der eigenen wie auch der britischen Aufklärung glaubte Stalin bis zum Schluss nicht daran, dass die Deutschen einen solchen Schritt wagen würden, der für sie letztendlich einen Zweifrontenkrieg bedeutete.

Damit wurde ein neues Kapitel des Zweiten Weltkriegs eröffnet, und die Sowjetunion - bis dahin Besatzungsmacht von September 1939 - wurde plötzlich Verbündeter Großbritanniens und kämpfte somit von nun auch an der Seite Polens.
Das i-Tüpfelchen wurde im Juli 1941 gesetzt: Auf Initiative des Premierministers von Großbritannien, Winston Churchill, wurde das "Sikorski-Majski-Abkommen" unterzeichnet, ein Vertrag zwischen der polnischen Exilregierung in London und der Sowjetunion, in dem ein gemeinsames militärisches Vorgehen gegen das Dritte Reich beschlossen wurde. Dieses Abkommen bedeutete auch für hundert Tausende von Polen, die in das Landesinnere der Sowjetunion deportiert worden waren, einen Hoffnungsschimmer. Im Rahmen dieses Abkommens fielen sie nämlich unter die Amnestie der sowjetischen Regierung. "Amnestie" ist in eine merkwürdige Bezeichnung, wenn man bedenkt, dass keiner der "Amnestierten" zuvor rechtskräftig verurteilt worden war. Die einzige Schuld dieser Menschen lag darin, dass sie Polen waren und auf einem Territorium innerhalb der Grenzen eines souveränen polnischen Staates lebten, den die Sowjetunion nach dem 17. September 1939 "befreit hatte".

In Kubischew entstand eine polnische Botschaft, ein Zeichen dafür, dass die UdSSR diplomatische Beziehungen zur polnischen Exilregierung aufgenommen hatte. Zur gleichen Zeit sollte auf dem Staatsgebiet der UdSSR ein polnisches Korps gebildet werden, zu dem fast sofort nach Bekanntgabe des Plans aus allen noch so weit entlegenen Winkeln der Sowjetunion polnische Freiwillige - oft mit Familien - strömten. Einige von ihnen nahmen dafür monatelange Reisestrapazen auf sich.
Führer des II. Korps wurde General Władysław Anders, kurz zuvor noch ein Kriegsgefangener und Insasse des berüchtigten Ljubjanka-Geängnisses, wo der Moskauer NKWD seinen Sitz hatte.

Aus den Tagebüchern von Władysław Anders erfährt man, in welch einem unglaublich schlechten körperlichen Zustand die polnischen Freiwilligen waren, die schließlich die Armee erreichten. Fakt ist, dass die Verluste an Menschen, die aufgrund allgemeiner Unterernährung, an Vitaminmangel und ansteckenden Krankheiten starben, weit über 3.000 betrugen. Den Berichten von General Anders zufolge starben mehr Menschen während der Formation des II. Korps auf dem Gebiet der UdSSR als während der Erstürmung von Monte Cassino im Mai 1944 durch dieses Korps.

Wie man weiß, nahm das II. Korps unter der Führung von General Anders an den Kämpfen an der Seite des "Verbündeten" - der UdSSR - nicht teil. Mit Stalins Einverständnis verließen die polnischen Divisionen im Jahr 1942 die Sowjetunion und gingen in den Iran, um dort auf Wunsch der Briten die strategisch wichtigen Erdölfelder zu bewachen. Fast zeitgleich war eine gewaltige deutsche Offensive in Richtung Wolga, Kaukasus und Kaspisches Meer in Anmarsch. Am Horizont erschien Stalingrad. Indessen ließ die sowjetische Propaganda die Gelegenheit verstreichen, um zu verkünden, dass die Polen, für die Stalin so viel getan hätte, vor der Wehrmacht Angst bekommen und Mütterchen Russland hintergangen hätten, indem sie in den Iran geflohen wären. Die "polnischen Herren" halt...

Kein Wunder, dass die auf solche Weise publik gemachten Informationen das einfache russische Volk empörten. Die Empörung über die "Undankbarkeit" sollten vor allem die in der Sowjetunion zurück geblieben Polen zu spüren bekommen, denen es nicht gelungen war, zum II. Korps von General Anders durchzudringen und sich mit ihm in den Iran zu evakuieren.

Doch ist das nur eine Seite der Medaille. Die zweite ist die, dass Stalin und seine Helfer eine rasche Mobilisierung des II. Korps von General Anders nach Kräften behinderten. Auf einmal wurde die Nationalitätenfrage zum Problem. Die Sowjets erlaubten die Mobilisierung von Weißrussen, Ukrainern und Juden nicht, obwohl diese vor dem 17. September 1939 polnische Staatsbürger waren. Als das die Mobilmachung nicht effektiv genug verzögerte, kürzten sie ohne jegliche Vorwarnung die Verpflegungsrationen. Dabei muss man bedenken, dass nicht nur das polnische Militär, sondern auch ausgemergelte Zivilpersonen, denen es gelungen war, aus der Gefangenschaft zu fliehen - überwiegend Familienangehörige der Soldaten - auch ernährt werden mussten.

Den Einheiten von General Anders drohte eine schlimme Hungersnot. Unter diesem Aspekt hatte musste der General eine schnelle Entscheidung treffen: Entweder würden noch mehr Gräber den Militärfriedhof säumen, oder das II. Korps müsste in den Iran evakuiert werden. Eine Wahl gab es eigentlich nicht. Jahre später gab Anders zu, dass er Angst vor der Reaktion der bewaffneten polnischen Armee hatte, die an der Seite der Sowjets - der ehemaligen Besatzer und Folterknechte - an der Front gegen die Deutschen kämpfen sollte.

"In der Politik gibt es keine Sentimentalitäten"

Nur wenigen Polen gelang es, 1942 mit dem Korps von General Anders die "gastfreundliche" Räterepublik zu verlassen. In der UdSSR blieben noch Hunderttausende zurück: Junge und Alte, Frauen und Kinder, Männer, die militärtauglich waren und Ausgemusterte. Geblieben sind auch die polnischen Vorkriegskommunisten, die im September 1939 mit überschwänglicher Begeisterung die auf das Territorium einmarschierende Rote Armee begrüßte. Noch bevor die Blumen, die sie den Rotarmisten zugeworfen hatte, verwelkt waren, befanden sich bereits viele von ihnen in den Gefängnissen des NKWD und anschließend - nach kurzen Eilprozessen - in Lagern.

Polnische "Patrioten” an Stalins Leine

Nach dem Sieg bei Stalingrad im Jahr 1943 wusste Stalin bereits, dass er die Geschicke über den weiteren Verlauf des Krieges in den Händen hatte, und er erinnerte sich plötzlich an die polnischen Kommunisten. Diese waren seit einiger Zeit wieder in Freiheit, die sie, wie auch alle anderen Polen, der "Amnestie" verdankten, d. h. dem Abkommen, das Majski und Sikorski unterzeichnet hatten.

Im März 1943, als die deutsche Armee auf eine Entfernung von mehreren hundert Kilometern von den Ufern der Wolga zurückgedrängt wurden, erlaubte Stalin - angeblich auf Bitten der polnischen Kommunisten - die Bildung eines politischen Organs, das polnische Interessen in der UdSSR vertreten sollten. Es bekam die Namen "Verband Polnischer Patrioten" (ZPP - Związek Patriotów Polskich). Zur "Vermittlerin" zwischen Stalin und dem Verband Polnischer Patrioten wurde Wanda Wasilewska ernannt, eine polnische Schriftstellerin mittleren Rangs, bereits vor dem Krieg eine Linke, die nicht zögerte, so schnell wie möglich die sowjetische Staatsangehörigkeit anzunehmen.
Zur gleichen Zeit tauchte die Idee auf, unter der Führung des Verbands der Polnischen Patrioten eine "echte Volksarmee" zu bilden, eine polnische Armee, die sowohl militärisch wie auch ideologisch strikt der Politik Stalins untergeordnet sein sollte.
Schon bald sollte eine Division gebildet werden, danach folgten ein Korps und schließlich eine ganze Armee. Zum Befehlshaber der neuen polnischen Volksarmee ernannte Stalin den polnischen General Zygmunt Berling.

Schauen wir uns diese Persönlichkeit etwas genauer an.
General Berling war ein Altersgenosse von General Anders, und genauso wie Anders war auch er schon in der Vorkriegszeit ein polnischer Berufsoffizier. In Wilna durch den NKWD festgenommen, führte sein Weg durch verschiedene sowjetische Gefängnisse. Schließlich kam er in das Lager von Grjasowez, das eine traurige Berühmtheit erlangte: Von hier aus wurden im Frühjahr 1940 polnische Offiziere in die Wälder von Katyn gebracht, wo sie alle durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet wurden. Berling selbst entging diesem Schicksal. In seinen Erinnerungen stellt er die Vermutung auf, dass ihn vermutlich seine linken Überzeugungen retteten, die er während der Verhöre durch den NKWD nicht verborgen hatte.
Nach der "Amnestie” von 1941 gelang er in das Korps von General Anders, wo er den hohen Rang des Stabchefs einer der Divisionen bekleidete. Noch in Krasnowodsk leitete er die Evakuierung des Korps in den Iran, blieb selbst aber in der UdSSR zurück, wo er einen engen Kontakt zum NKWD einging. Aber warum? Die Wahrheit werden wir vermutlich nie erfahren. Im Korps von General Anders wurde über Berling schnell ein Urteil gefällt: Er wurde vom Militärgericht wegen Fahnenflucht und Bruchs des Soldateneides zum Tode verurteilt. Den schriftlichen Erinnerungen von General Berling kann man viel über seine persönlichen Überzeugungen, über polnische Staatsbürger in der UdSSR und schließlich über seine eigenen Vorstellungen über den polnischen Staat nach der Befreiung durch die Rote Armee entnehmen, der zwar ein sozialistisches, aber dennoch ein souveränes Land und keine sowjetische Republik war.

Heute, nach so vielen Jahren, ist es schwer zu sagen, wie viel naiven Idealismus und patriotischen Glaubens und wie viel Zynismus und Politik in diesen Überlegungen lag. Wer weiß, ob Stalin, der General Anders angeblich hasste und - laut Quelleninformationen - Berling vertraute, die folgenden Worte nicht in einem Augenblick der Wahrheit sagte: "Merken Sie sich eines, Zygmunt Michajlowicz. In der Politik… " War es vielleicht eine Warnung, die durch einen Funken von Sympathie für einen ehrlichen Menschen diktiert worden war?

Im Jahr 1943 fielen für das zukünftige Nachkriegspolen wichtige Entscheidungen. In Sielce an der Oka formte sich das polnische Korps. Diesmal geschah das nach dem Vorbild der Roten Armee, die Armeen unterschieden sich nur durch ihre Uniformen. Der Führungskader rekrutierte sich mit weinigen Ausnahmen aus sowjetischen Offizieren, die in die polnische Armee abkommandiert worden waren. Zusätzlich wurde nach dem Vorbild der Roten Armee der in der polnischen Armee unbekannte Rang des "stellvertretender Befehlshabers für Fragen der politischen Erziehung" eingeführt.

Wie es bereits zwei Jahre zuvor bei der Anders-Armee der Fall war, strömten erneut hunderttausende durch Hunger und schwere Arbeit gezeichnete Menschen in die neue polnische Armee von General Berling. Fast alle von ihnen waren aus den Gebieten, die Stalin annektiert hatte, ins Landesinnere der Sowjetunion deportiert worden. Für gewöhnlich bezeichnet man die geografische Lage dieser Gebiete als "östlich der Curzon-Linie". Sie machten vor dem 17. September 1939 rund 25 Prozent des polnischen Territoriums aus.
Den polnischen Soldaten erklärte man, dass sie schon bald die Ehre haben würden, für die Befreiung ihrer Heimat zu kämpfen. Nur für welche Heimat? Befand sich diese am linken oder die am rechten Ufer des Bugs? Denn am Bug sollte ja die zukünftige Grenze zwischen Polen und der UdSSR liegen.

Nach ihrem Sieg in Stalingrad stieg das Ansehen Stalins und der Roten Armee in den USA und in Großbritannien gewaltig. Stalin wusste sich diesen Umstand zunutze zu machen. Dieses Ansehen wurde auch nicht durch die Nachrichten aus Katyn getrübt. Im März 1943 informierte die Göbbels-Propaganda die Weltöffentlichkeit darüber, dass die Deutschen bei Katyn Massengräber mit ermordeten polnischen Offizieren entdeckt hätte. Den Mord schrieb man den Sowjets zu.

Aber auch aus dieser Entdeckung - natürlich nach heftiger Dementierung des Völkermords - konnte Stalin politisches Kapital schlagen. Als ihn die Nachricht erreichte, dass sich die polnische Exilregierung an das Internationale Rote Kreuz gewandt hatte, um - mit Einverständnis der Deutschen - eine Untersuchung einzuleisten, interpretierte Stalin die polnische Initiative als feindlichen Akt gegen den sowjetischen Verbündeten und als Kollaboration mit dem Feind. Er nutzte die für ihn günstige Gelegenheit als Vorwand, um die diplomatischen Beziehungen zu der polnischen Exilregierung in London abzubrechen. Wenn man den moralischen Aspekt der Angelegenheit außer Acht lässt, wird man zugeben müssen, dass Stalin in der Politik wie kaum ein anderer perspektivisch denken konnte.

Während der Juli-Offensive näherte sich die Rote Armee langsam der ehemaligen polnischen Grenze. In Moskau nahm das Projekt, aus dem Verband der Polnischen Patrioten eine zukünftige kommunistische Regierung Polens zu bilden, konkretere Züge an. Zeitgleich wurde die Formation des Korps von General Berling abgeschlossen. Die Zeit arbeitete für Stalin.

Stalin wusste, dass sowohl im Generalgouvernement wie auch in den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die am 17. September 1939 von der UdSSR annektiert worden waren, die bestens organisierte polnische Heimatarmee (AK - Armia Krajowa) tätig war, eine konspirative militärische Organisation, die durch die polnische Exilregierung in London ins Leben gerufen worden war und dieser auch bis zum Schluss unterstand. Diese Armee bestand aus über 300.000 vereidigten Soldaten. Ihre Ausrüstung ließ zwar zu wünschen übrig, doch in ihrem Enthusiasmus konnten die Männer und Frauen es kaum erwarten, gegen die verhassten Besatzer zu kämpfen. Mehr noch: Das Ziel der Heimatarmee war es, nach dem Rückzug der Deutschen, was früher oder später geschehen musste, und nach dem Einmarsch der Roten Armee als rechtmäßige Besitzer und Herren dieser Gebiete aufzutreten.

Auch darüber war Stalin informiert. Er war sich auch der Tatsache bewusst, dass die in Polen existierenden kommunistischen Partisaneneinheiten eine untereinander zerstrittene und in der polnischen Gesellschaft isoliert agierende kleine Gruppe bildeten. Kommunistische Ideale nach sowjetischem Vorbild waren ihnen fremd, wenn nicht sogar verhasst. Es wurde somit Zeit, eine Grundlage für das zukünftige Vasallentum Polens gegenüber der Sowjetunion zu schaffen - mit Hilfe eines in die kommunistische Ideologie geschmückten Marionettentheaters. Nun hielt Stalin alle Fäden in der Hand.

Das Jahr 1943 erwies sich als wegweisend für die weitere Entwicklung des Zweiten Weltkriegs an der europäischen Front. Nach dem Scheitern der deutschen Offensive, die unter dem Decknamen "Unternehmen Zitadelle” geführt wurde (Am 5. Juli 1943 versuchte die deutschen Armee erfolglos den sowjetischen Frontbogen um die russische Stadt Kursk zu durchbrechen. Die Kämpfe mündeten in der größten Panzerschlacht der Geschichte.), glaubten nur noch die verbissensten Fanatiker im Dritten Reich an einen Endsieg.

Im Juli 1943 wehrte die Rote Armee den Angriff der Deutschen am Kursker Bogen ab, ging selbst zur Offensive über und erreichte anschließend den Dnjepr. Im selben Monat kam General Sikorski auf dem Rückflug von einer Inspektion des II. Polnischen Korps im Nahem Osten bei einem Flugzeugabsturz über dem Gibraltar um. Die Pflichten des Oberbefehlshabers der polnischen Armee übernahm nun General Kazimierz Sosnkowski. Premierminister der polnischen Exilregierung wurde Stanislaw Mikolajczyk. Ebenfalls im Juli 1943 legte die erste Division "Tadeusz Kosciuszko", geführt von General Berling, einen feierlichen Eid ab. Am 12. Oktober erlebte sie ihre "Feuertaufe" bei Lenino. Dort verlor sie wegen fehlender Flankenhilfe seitens der sowjetischen Divisionen, die ihr zuvor zugesichert worden war, fast 3000 Mann. In seinen Erinnerungen gab General Berling später ohne Umschweife an, dass der sowjetische Befehlshaber der Armee, unter dessen Kommando auch die polnische Division kämpfte, die Polen mit aller Absicht dem Gemetzel ausgesetzt hatte. Frage: auf wessen Anweisung? Fakt ist, dass sich die Historiker im Nachkriegspolen der Aufarbeitung der Kämpfe bei Lenino eigenartigerweise nur selten und wenn, dann in lakonischen Abhandlungen annahmen. Dieses war seltsam in einem Land, in dem die kommunistische Regierung nach Kräften an einem Heldenepos feilte. War es etwa nur ein Zufall?

Teheran und die Frage Polens

Während die von der vordersten Frontlinie abgezogene polnische Division versuchte, sich von ihren hohen Verlusten zu erholen, bereiteten sich die USA, Großbritannien und die UdSSR auf ihre Teilnahme an der Konferenz in Teheran vor. Die Konferenz fand in den Tagen vom 28. November bis zum 1. Dezember 1943 statt. Die Abmachungen waren - trotz des Widerstandes W. Churchills - nur eine Besiegelung des Willens Stalins. Die polnischen Ostgebiete (inklusive Lemberg und Wilna), die von der UdSSR zu Beginn des Krieges besetzt worden waren, sollten innerhalb der neuen Staatsgrenzen der Sowjetunion bleiben. Im Rahmen einer Wiedergutmachung sollte Polen nach dem Krieg Ostpreußen (ohne Königsberg) sowie das Oppelner Land und Pommern bekommen. Die Polen, Verbündete im Kampf gegen die Deutschen, wurden in Teheran bezüglich dieser für sie so grundlegenden Frage nicht konsultiert. Die auf der Konferenz getroffenen Entscheidungen wurden vor der polnischen Exilregierung sogar geheim gehalten. Der polnische Premierminister, Stanisław Mikołajczyk, erfuhr die Ergebnisse der Verhandlungen erst ein Jahr später! Aus Protest legte er sein Amt nieder.

Am 31. Dezember 1943 konstituierte sich, vermeintlich auf Initiative der polnischen Kommunisten (Mitglieder der Polnischen Arbeiterpartei), de facto jedoch auf Geheiß Stalins, in dem von den Deutschen besetzten Warschau ein politisches Organ, das sich selbst den Namen "Landesnationalrat" (KRN - Krajowa Rada Narodowa) gab. Zur gleichen Zeit tauchten zum ersten Mal die Namen von Bolesław Bierut, Osóbka-Morawski, Gomułka sowie die Namen anderer leitender polnischer Kommunisten auf. Der Landesnationalrat rief die Vereinigung aller Antifaschisten, Demokraten und Linken aus. Auf diese Weise nahm in Polen 1943 eine Gruppe ihre politische Arbeit auf, die schon knapp acht Monate später einen Anspruch auf das alleinige Recht stellte, das gesamte polnische Volk zu repräsentieren. Sie kam mit Hilfe russischer Bajonetten an die Macht und - obwohl in der Minderheit - zwang sie dem Land ein von Stalin diktiertes System auf. Ende 1943 gab es viele Polen (je nach Sichtweise Marionetten Stalins oder internationale Kommunisten), die bereit waren, ohne Zögern jeden Befehl Stalins auszuführen, sobald die Rote Armee den polnischen Boden betreten würde. In Moskau waren es Mitglieder des Verbandes Polnischer Patrioten, in Warschau Angehörige des Landesnationalrates.

Das alles geschah, während in London eine legitime polnische Regierung, ein legitimer Premierministers, ein legitimer Oberbefehlshabers der polnischen Armee und eine legitime Entsprechung des polnischen Parlaments tätig waren, während im besetzten Polen eine legitime, in der Konspiration agierende Delegatur und die der Londoner Regierung treue Heimatarmee wirkten. Zur selben Zeit kämpfte an Land, zu Wasser und in der Luft, an der Seite der Briten, die polnische Armee. Sie kämpfte in fester Überzeugung, dass es ein Kampf um ein souveränes Polen mit unangetasteten Grenzen und einer unabhängigen Selbstverwaltung war.

Das Lubliner Kommitee

Im Juni 1944 gelang den vereinten Streitkräften der Alliierten endlich die lang erhoffte Landung in der Normandie. Im selben Monat, genau drei Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion, begann an der Ostfront die Offensive der Roten Armee. In Folge der Operation unter dem Decknamen "Bagration" wurde Weißrussland befreit. Die sowjetische Armee überschritt zunächst die Grenze Polens von 1939, um schon bald die berühmte Curzon-Linie, den der Fluss Bug markierte, zu erreichen. Im Juli wurde die polnische Stadt Lublin befreit, und gegen Ende des Monats erreichte die Rote Armee die Vororte Warschaus. Mit ihr kamen die ersten Vorboten eines neuen Gesellschaftssystems, das den in die UdSSR deportierten Polen nur zu gut bekannt war. Wie sollte man die "Befreiung" deuten? War es vielleicht doch der Beginn einer neuen Okkupation? Die Antwort sollte schon bald fallen.

Auf ausdrücklichen Befehl der obersten Heeresleitung unterstütze die Heimatarmee die verbündete Rote Armee in den Kämpfen gegen die Deutschen. So geschah es in Wolhynien und in den Gebieten um Wilna. Doch sofort nach Beendigung der Kämpfe wurden die polnischen Soldaten durch speziell dafür eingesetzte Einheiten des NKWD entwaffnet und in sowjetische Lager deportiert. Diejenigen von den deportierten polnischen Soldaten, denen es gelungen war, die Gefangenschaft zu überleben, sollten erst im Jahr 1956/57 nach Polen zurückkehren. Auf diese Weise entledigte sich Stalin des "reaktionären Elements" und säuberte damit das Vorfeld für ein neues politisches System in Polen.

Indessen entstand in Lublin das sog. "Polnische Komitee für Nationale Befreiung" (PKWN - Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego) infolge einer Zusammenlegung des Verbandes Polnischer Patrioten und des Landesnationalrates. Am 22. Juli 1944 proklamierte das Polnische Komitee für Nationale Befreiung ein Manifest, das eine konkrete Ankündigung der Änderung des politischen Gesellschaftssystems in Polen darstellte. Das Datum der Bekanntgabe des Manifestes wurde bald zu einem offiziellen staatlichen Feiertag, an dem festlich die "Wiedergeburt" Polens begangen wurde. Das "Drehbuch" für den Ablauf der gesamten Ereignisse lieferte natürlich Stalin.

Nach der Konferenz in Teheran war klar, dass er die annektierten polnischen Ostegebiete nicht wieder hergeben würde. Er wusste, dass die neue Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion nach Beendigung des Krieges entlang des Bugs verlaufen würde.
Das wussten auch die Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. Diese nahmen jedoch die Zusicherung Stalins über ein souveränes und freies Nachkriegspolen für bare Münze. Sie wussten allerdings nicht, dass bereits eine prokommunistische und prosowjetische Gruppe von Polen ungeduldig darauf wartete, im Land die Macht zu übernehmen - was sie auch im Dezember 1944 unter der Bezeichnung "Provisorische Polnische Regierung" (sog. "Lubliner Regierung") auch taten. Weder die Amerikaner noch die Briten schenkten den Berichten der legitimen polnischen Exilregierung in London über die Verfolgung der Soldaten der Heimatarmee und über die Deportationen ihrere Soldaten Glauben. Vielleicht war es für die Amerikaner und die Briten auch nur bequemer, daran nicht zu glauben, um Stalin keine unbequemen Fragen stellen zu müssen.

Im Jahr 1944 begannen sich auf den befreiten polnischen Gebieten zwei politische Kräfte aneinanderzureiben: die aus der Vorkriegszeit, die der legitimen polnischen Regierung treu, weit entfernt von kommunistischem Gedankengut war und durch die Heimatarmee repräsentiert wurde, sowie die neue - die kommunistische. Die stalinistischen Marionetten hatten keinen Rückhalt in der Bevölkerung, waren jedoch siegessicher, da sie Rückendeckung der Roten Armee genossen. Noch gelang es Stalin, der noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt hatte, sein Täuschungsmanöver. Er sicherte seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit und vor allem seine Freundschaft zu. Im Mai 1944 nahm das II. Korps von General Anders, der im Jahr 1942 seine Armee aus der UdSSR in den Iran brachte, am Italienfeldzug teil und Monte Cassiono ein. Die polnische Panzerbrigade kämpfte nach der Landung in der Normandie erbittert bei Caen und Falese. Die Polen - der polnischen Exilregierung in London treu - hielten sich an die Allianzvereinbarungen.

Ende Juli 1944 erreichen sowjetische Panzer die Vororte von Warschau. Bei Sandomierz und Magnuszewo überquerte die Rote Armee die Weichsel und bildete an ihrem linken Ufer starke Brückenköpfe. Für die Einheiten der polnischen Heimatarmee in Warschau waren die Ereignisse ein Signal für den Beginn des Warschauer Aufstands. Das Ziel der Aufständischen war es, vor dem Einmarsch der Roten Armee die Kontrolle über die Stadt zu übernehmen, um nach der Kapitulation der Deutschen als legitime Macht an der Seite der Sowjets zusammenzuarbeiten.

Über den Warschauer Aufstand gibt es eine umfangreiche Literatur, deshalb soll hier nur kurz an die wichtigsten Daten erinnert werden: Der Aufstand begann am 1. August 1944 und dauerte genau 63 Tage. In den Kämpfen kamen über 250.000 zivile Einwohner und Aufständische um. Die Stadt selbst wurde dem Erdboden gleich gemacht. Nach der Unterzeichnung der Kapitulation durch die Polen sicherten die Deutschen den unterlegenen Aufständischen den Kombatantenstatus zu, d. h., dass die polnischen Kämpfer nicht als "Banditen", sondern als Kriegsgefangene behandelt wurden. Verfolgungen wurden eingestellt und die überlebende Zivilbevölkerung aus der Stadt evakuiert.

Und wie verhielten sich die Sowjets? Nach einem kurzen Gegenangriff der Deutschen Mitte September 1944 stellte die Rote Armee ihre Offensive gegen die Deutschen ein und ging am Ostufer der Weichsel in Wartestellung. Zwar wurde den Bataillons von General Berling erlaubt, versuchsweise die Weichsel zu überqueren, um den Aufständischen am linken Weichselufer Hilfe zu leisten, doch war diese Aktion gänzlich erfolglos und forderte zahlreiche Menschenleben. Kurz darauf wurde Berling zwecks "Weiterbildung" in die Generalstabsakademie nach Moskau abkommandiert, was mit einer Internierung gleichzusetzen war. Erst 1947 kehrte er nach Polen zurück.

An dieser Stelle wird man zu Spekulationen verleitet. Falls damals, Mitte September 1944, die Rote Armee auf Befehl Stalins der polnischen Aufständischen zur Hilfe gekommen wäre und Warschau befreit hätte - wozu sie durchaus im Stande war - hätte das die polnische Bevölkerungen als einen freundschaftlichen Akt gedeutet. Damit hätten sich auch die polnischen Kommunisten, die nach Macht strebten, als vertrauenswürdiger erwiesen. Doch die Geschichte nahm ihren eigenen Lauf.

Warschau selbst wurde erst während der Januaroffensive am 17. Januar 1945 "befreit". Die Rote Armee betrat einen riesigen Friedhof umgeben von einem Meer von Ruinen, in das die Millionenstadt verwandelt worden war. Die Deutschen, zum panischen Rückzug gezwungen, gaben die Verteidigung der Stadt so gut wie auf.

Die Karten wurden ausgeteilt

Als im Januar 1945 von der Weichsel aus die Offensive der Roten Armee begann, war allen Beteiligte klar, dass der Krieg in Europa bald beendet werden würde. Im April erreichten die Sowjets die Oder und waren nur wenige Kilometer vor Berlin. Bis zur bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reichs blieb nur noch ein knapper Monat.
Und was geschah in Polen? Auf den von der Roten Armee eingenommenen Gebieten wurde - zwar im Verborgenen, jedoch mit aller Konsequenz - mit der Heimatarmee abgerechnet, die der legitimen polnischen Regierung in London die Treue hielt. Wie erwähnt, wurde das Schicksal des Nachkriegspolens bereits in Teheran besiegelt. Stalin, der auf die Hilfslieferungen des Westallierten angewiesen war, spielte den guten Onkel und machte viele Zugeständnisse bezüglich der Zukunft Polens. So versprach er u. a. die Durchführung freier und geheimer demokratischer Wahlen, was einer freie Wahl des zukünftigen politischen Systems glich.

Doch bereits nach der Konferenz auf der Krim, die am 11. Februar 1945 in der Nähe von Jalta stattgefunden hatte, wurde schnell klar, wer die Karten austeilte. Polen, die baltischen Staaten sowie noch einige weitere Länder sollten unter dem sowjetischen Einfluss bleiben. Das neue Territorium Polens sollte zwischen den Flüssen Oder und Bug (Curzonlinie) liegen. Die auf der Konferenz von Jalta getroffen Vereinbarungen wurden diesmal von den Westalliierten nicht geheim gehalten. Auf die polnische Exilregierung in London sowie auf die polnische Armee an der Westfront wirkten sie wie ein Erdbeben. Der polnischen Regierung schlug man eine Einigung mit Stalin sowie die Teilnahme an der Bildung der "Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit" vor, die bereits im Juni 1945 entstehen sollte.

Am 28. Juni 1945 wurde die "Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit" ins Leben gerufen, und bereits am 5. Juli - erstaunlich schnell - wurde sie von den Briten als legitimer Repräsentant der polnischen Nation anerkannt. Gleichzeitig zogen sie ihre Anerkennung für die polnischen Exilregierung in London zurück. In London richtete sich eine polnische, kommunistische Botschaft ein. General Anders, der Churchill einen Verrat an den polnischen Interessen vorgeworfen hatte, bekam von jenem als Antwort zu hören:

... Sie können Ihre Divisionen wieder mitnehmen! Wir kommen auch ohne sie aus ...

Diese Worte kamen aus dem Mund eines Menschen, der im September 1940 die um England kämpfenden und für England sterbenden polnischen Luftpiloten hochlobte. (fh)