Staatlich anerkannte und ermächtigte Übersetzerin
der polnischen Sprache (§ OLG Schleswig-Holstein)
Eckernförder Str. 73
24116 Kiel
Tel.: +49 (0) 431 - 1 22 77 65
Handy: +49 (0) 160 - 8 31 07 82
E-Mail: bw@polish-online.com
Internet: www.polish-online.com
Internetadresse der ausgedruckten Seite:
http://www.polish-online.com/geschichte-polen/gewerkschaft-solidaritaet.php
Ausgegeben am
Freitag, dem 25.07.2008, um 03:41 Uhr.
Tor 2 der ehemaligen Lenin-Werft in Danzig Foto: Frank Hilbert
<< zur Übersicht Der polnische Sommer 1980 und die Entstehung der Gewerkschaft Solidarität (Solidarno¶æ)
Die Ineffektivität der kommunistischen Wirtschaftspolitik unter der Regierung von Edward Gierek und die damit einhergehende hohe Auslandsverschuldung führten nach 1975 zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Polen. Der Unmut der Bevölkerung über diesen Zustand äußerte sich bereits 1976 in ersten Demonstrationen und Streiks in mehreren polnischen Städten. Die Antwort der Streikenden auf die darauf folgenden Repressionen seitens des Regierung war die Gründung des „Komitees zur Verteidigung der Arbeiter“ (KOR).
Walesa gab sich mit Lohnerhöhung zufrieden
Am 16. August beugten sich die Direktion der Lenin-Werft dem Druck der Arbeiter. Eine Einigung über eine Gehaltserhöhung wurde erzielt, worauf Walesa den Streik für beendet erklärte und ein Großteil der streikenden Belegschaft wieder nach Hause ging. Die Kranführerin Anna Walentynowicz und die Betriebskrankenschwester Alina Pienskowska protestierten jedoch gegen den vorzeitigen Abbruch des Streiks und forderten eine Solidarisierung mit den weiterhin anderen streikenden Betrieben an der Küste. Walesa lenkte ein, und der Streik wurde mit 1.000 auf der Werft verbliebenen Arbeitern sowie mit Vertretern aus anderen bestreikten Betrieben fortgesetzt.
Noch in derselben Nacht wurde ein Streikkommitee mit dem charismatischen Lech Walesa an der Spitze gewählt.
Am 17. Juli zelebrierte der Priester Henryk Jankowski mit den Streikenden auf dem Werftgelände eine Messe. Am Tor der Danziger Lenin-Werft hängten die Streikführer eine Liste mit 21 Postulaten aus. Die Forderungen der Arbeiter waren für die Regierung schwer zu akzeptieren, da sie zum ersten Mal über die wirtschaftlichen Aspekte hinausgingen und einen deutlich politischen Charakter hatten. Die Streikenden forderten unter anderem die Zulassung freier, von den Betriebsleitungen und der Partei unabhängiger Gewerkschaften, die Garantie des Streikrechts und die Sicherheit der Streikenden sowie der sie unterstützenden Personen, die Einhaltung der in der Verfassung der Volksrepublik Polen garantierten Freiheit des Wortes und den Zugang zu den durch die Partei kontrollierten Massenmedien. Sie forderten auch die Entlassung aller politischer Gefangener und die Wiedereinstellung von Menschen, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung ihren Arbeits- oder Studienplatz verloren hatten.
Forderung nach arbeitsfreien Sonnabend
Die ökonomischen Forderungen bezogen sich auf die Einführung von grundlegenden wirtschaftlichen Reformen, die das Land aus der Krise führen sollten. Darüber hinaus forderten die Arbeiter eine größere staatliche Unterstützung für Eltern, die Herabsetzung des Rentenalters, eine Reform des Gesundheitswesens sowie die Einführung von Mindestlöhnen und arbeitsfreier Sonnabenden.
Die geopolitische Situation im Jahr 1980 erlaubte noch keine Hoffnungen auf eine Auflösung des sozialistischen Lagers. Angst vor einer Fremdinvasion durch die Streitkräfte des Warschauer Paktes bremste die Bestrebungen der Streikenden, die deshalb nicht zu einem radikalen Umsturz, sondern lediglich zu einer Reform des Systems aufriefen. Gefordert wurde ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, eine Reform der Volksrepublik Polen, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen des „kleinen Mannes“ nach sich ziehen sollte.
"Arbeitsunterbrechungen in Danzig"
In der durch die Partei kontrollierten Presse erschienen lakonische Mitteilungen über „Arbeitsunterbrechungen in Danzig“. Die Zensur vermied bewusst das Wort „Streik“, doch die Bevölkerung bediente sich anderer Quellen, wie zum Beispiel der polnischsprachigen Nachrichten des westlichen Senders Radio Freies Europa (dessen Empfang in der Volksrepublik strafbar war), um sich über die tatsächlichen, aktuellen Vorgänge im eigenen Land zu informieren.
In den nächsten Tagen und Wochen breitete sich die Protest- und Streikwelle wie ein Lauffeuer flächendeckend im ganzen Land aus. Bereits am 18. Juli trat die Belegschaft der Stettiner Werft in den Streik ein. Weitere Betriebe in der Dreistadt kamen hinzu. In Oberschlesien wurde in einer Reihe von Bergwerken die Arbeit niedergelegt. Eine Stadt nach der anderen wurde von der Streikwelle erfasst: Ende August wurden bereits über 600 Betriebe in Polen bestreikt.
17. September: Gründung der "Solidarnosc"
Die Reichweite der Proteste im August 1980 war so groß, dass die Partei – anders als in den Jahren 1956 und 1970, in denen die Proteste in Straßenkämpfen gewaltsam niedergeschlagen wurden - gezwungen war, mit den Streikenden zu verhandeln. In den Tagen vom 30. August bis zum 3. September unterzeichneten die Streikführer in mehreren polnischen Städten und die Vertreter der Partei schließlich ein ausgehandeltes Abkommen. Am 17. September wurde in Danzig ein einheitlicher Gewerkschaftsverband gegründet, der den Namen „Solidarnosc“ tragen sollte. Er bestand aus 17 autonomen, regionalen Verbänden mit einer koordinierenden Kommission in Danzig. Am 10. November wurde die unabhängige Gewerkschaft „Solidarnosc“ gerichtlich registriert.
Zweifelsohne war es ein großer historischer Moment für die polnischen Arbeiterinnen und Arbeiter: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes seit 1945 hatte die Vereinigte Arbeiterpartei ihre Niederlage vor der sich vereinigenden Arbeiterklasse eingestanden und ihren politischen Führungsanspruch zumindest ansatzweise aufgegeben. Und doch sollten die nächsten Monate zeigen, dass die Gründung der ersten unahbhängigen Gewerkschaft im kommunistischen Polen erst der Beginn eines langen Kampfes um die Unabhängigkeit des Landes bedeutete. (bw)