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Gewerkschaft Solidarität (Solidarność) in Polen

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Der polnische Sommer 1980 und die Entstehung der Gewerkschaft Solidarität (Solidarność)

Die Ineffektivität der kommunistischen Wirtschaftspolitik unter der Regierung von Edward Gierek und die damit einhergehende hohe Auslandsverschuldung führten nach 1975 zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Polen. Der Unmut der Bevölkerung über diesen Zustand äußerte sich bereits 1976 in ersten Demonstrationen und Streiks in mehreren polnischen Städten. Die Antwort der Streikenden auf die darauf folgenden Repressionen seitens des Regierung war die Gründung des "Komitees zur Verteidigung der Arbeiter" (KOR).

Denkmal der Gefallenen Werftarbeiter
Denkmal der Gefallenen Werftarbeiter in Danzig. Im Hintergrund ist das Tor 2 der ehemaligen Lenin-Werft zu sehen. Foto: Frank Hilbert

Im Jahr 1980 steckte das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die staatlich geregelten Preise für Grundnahrungsmittel und Gebrauchgüter schossen in die Höhe, doch erst die Erhöhung der Fleischpreise am 1. Juli 1980 löste eine breite Welle der Empörung und Unruhen aus. Die Arbeiterklasse Polens fühlte sich von der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei aufs Schärfste provoziert. In Lublin kam es zu zahlreichen Streiks und Demonstrationen. Am 14. August breiteten sich die Streiks auf die Küstenregion aus: In zwei Abteilungen der Lenin-Werft in Danzig (Gdańsk) streikten die Arbeiter. Die Streikenden forderten neben einer Gehaltserhöhung die Wiedereinstellung der wegen ihres politischen Engagements kurz zuvor entlassenen Kranführerin Anna Walentanowicz und des Elektrikers Lech Wałesa. In den darauf folgenden Tagen legten tausende von Beschäftigten im ganzen Land ihre Arbeit in den Betrieben und Kombinaten nieder.

Wałesa gab sich mit Lohnerhöhung zufrieden

Am 16. August beugten sich die Direktion der Lenin-Werft dem Druck der Arbeiter. Eine Einigung über eine Gehaltserhöhung wurde erzielt, worauf Wałesa den Streik für beendet erklärte und ein Großteil der streikenden Belegschaft wieder nach Hause ging. Die Kranführerin Anna Walentynowicz und die Betriebskrankenschwester Alina Pienskowska protestierten jedoch gegen den vorzeitigen Abbruch des Streiks und forderten eine Solidarisierung mit den weiterhin anderen streikenden Betrieben an der Küste. Wałesa lenkte ein, und der Streik wurde mit 1.000 auf der Werft verbliebenen Arbeitern sowie mit Vertretern aus anderen bestreikten Betrieben fortgesetzt.

Noch in derselben Nacht wurde ein Streikkommitee mit dem charismatischen Lech Wałesa an der Spitze gewählt.

Am 17. Juli zelebrierte der Priester Henryk Jankowski mit den Streikenden auf dem Werftgelände eine Messe. Am Tor der Danziger Lenin-Werft hängten die Streikführer eine Liste mit 21 Postulaten aus. Die Forderungen der Arbeiter waren für die Regierung schwer zu akzeptieren, da sie zum ersten Mal über die wirtschaftlichen Aspekte hinausgingen und einen deutlich politischen Charakter hatten. Die Streikenden forderten unter anderem die Zulassung freier, von den Betriebsleitungen und der Partei unabhängiger Gewerkschaften, die Garantie des Streikrechts und die Sicherheit der Streikenden sowie der sie unterstützenden Personen, die Einhaltung der in der Verfassung der Volksrepublik Polen garantierten Freiheit des Wortes und den Zugang zu den durch die Partei kontrollierten Massenmedien. Sie forderten auch die Entlassung aller politischer Gefangener und die Wiedereinstellung von Menschen, die aufgrund ihrer politischen Überzeugung ihren Arbeits- oder Studienplatz verloren hatten.

Forderung nach arbeitsfreien Sonnabend

Die ökonomischen Forderungen bezogen sich auf die Einführung von grundlegenden wirtschaftlichen Reformen, die das Land aus der Krise führen sollten. Darüber hinaus forderten die Arbeiter eine größere staatliche Unterstützung für Eltern, die Herabsetzung des Rentenalters, eine Reform des Gesundheitswesens sowie die Einführung von Mindestlöhnen und arbeitsfreier Sonnabenden.

Die geopolitische Situation im Jahr 1980 erlaubte noch keine Hoffnungen auf eine Auflösung des sozialistischen Lagers. Angst vor einer Fremdinvasion durch die Streitkräfte des Warschauer Paktes bremste die Bestrebungen der Streikenden, die deshalb nicht zu einem radikalen Umsturz, sondern lediglich zu einer Reform des Systems aufriefen. Gefordert wurde ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, eine Reform der Volksrepublik Polen, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen des „kleinen Mannes“ nach sich ziehen sollte.

Fototafeln auf dem Ausstellungsgelände über die Gewerkschaft Solidarität in Danzig
Fototafeln auf dem Ausstellungsgelände über die Gewerkschaft Solidarität in Danzig.

"Arbeitsunterbrechungen in Danzig"

In der durch die Partei kontrollierten Presse erschienen lakonische Mitteilungen über „Arbeitsunterbrechungen in Danzig“. Die Zensur vermied bewusst das Wort „Streik“, doch die Bevölkerung bediente sich anderer Quellen, wie zum Beispiel der polnischsprachigen Nachrichten des westlichen Senders Radio Freies Europa (dessen Empfang in der Volksrepublik strafbar war), um sich über die tatsächlichen, aktuellen Vorgänge im eigenen Land zu informieren.

In den nächsten Tagen und Wochen breitete sich die Protest- und Streikwelle wie ein Lauffeuer flächendeckend im ganzen Land aus. Bereits am 18. Juli trat die Belegschaft der Stettiner Werft in den Streik ein. Weitere Betriebe in der Dreistadt kamen hinzu. In Oberschlesien wurde in einer Reihe von Bergwerken die Arbeit niedergelegt. Eine Stadt nach der anderen wurde von der Streikwelle erfasst: Ende August wurden bereits über 600 Betriebe in Polen bestreikt.

17. September: Gründung der Gewerkschaft Solidarität (Solidarność)

Die Reichweite der Proteste im August 1980 war so groß, dass die Partei – anders als in den Jahren 1956 und 1970, in denen die Proteste in Straßenkämpfen gewaltsam niedergeschlagen wurden - gezwungen war, mit den Streikenden zu verhandeln. In den Tagen vom 30. August bis zum 3. September unterzeichneten die Streikführer in mehreren polnischen Städten und die Vertreter der Partei schließlich ein ausgehandeltes Abkommen, das Abkommen von Danzig. Am 17. September wurde in Danzig ein einheitlicher Gewerkschaftsverband gegründet, der den Namen „Solidarność“ tragen sollte. Er bestand aus 17 autonomen, regionalen Verbänden mit einer koordinierenden Kommission in Danzig. Am 10. November wurde die unabhängige Gewerkschaft „Solidarność“ gerichtlich registriert.

Zweifelsohne war es ein großer historischer Moment für die polnischen Arbeiterinnen und Arbeiter: Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes seit 1945 hatte die Vereinigte Arbeiterpartei ihre Niederlage vor der sich vereinigenden Arbeiterklasse eingestanden und ihren politischen Führungsanspruch zumindest ansatzweise aufgegeben. Und doch sollten die nächsten Monate zeigen, dass die Gründung der ersten unahbhängigen Gewerkschaft im kommunistischen Polen erst der Beginn eines langen Kampfes um die Unabhängigkeit des Landes bedeutete.

Interessantes: Das Logo von Solidarność - miteinenader verflochtene rote Buchstaben, die an eine Menschenmenge mit weiß-roter Fahne erinnern - wurde 1980 von dem Grafiker Jarzy Janiszewski entworfen. Der Eichentisch, an dem das berühmte Logo entstanden ist, steht heute übrigens in der Danziger Wohnung des Schriftstellers und literarischen "deutsch-polnischen Chronisten" Stefan Chwin. (fh)

Sehenswürdigkeit

Ausstellung "Wege zur Freiheit" (Wystawa Drogi do Wolności)
ul. Wały Piastowskie 24
80-855 Gdańsk
Tel.: +48 (0) 58 308 44 28
Internet: www.ecs.gda.pl

Öffnungszeiten:
1. Mai bis 30. September: Di - So 10.00 - 18.00 Uhr
1. Oktober bis 30. April: Di - So 10.00 - 17.00 Uhr