23. Juli – Das Zamoyski-Museum in Kozłówka

Park und Schloss in Nałęczów

Park und Schloss in Nałęczów

Ein verspieltes, barockes Schlösschen inmitten einer großen, gepflegten Parkanlage – ca. 30 km nordöstlich von Lublin gelegen. Bis 1945 im Besitz der Magnatenfamilie Zamoyski. Mit dem Einzug des Kommunismus verstaatlicht und in ein Museum umgewandelt. Seit der Wende 1989/90 versuchen die Zamoyskis (Die Nachfahren der letzten Schlossbewohner leben heute in Kanada.) wieder zunehmend Einfluss auf die Nutzung und Vermarktung des Gutes zu nehmen und prozessieren sich seit Jahren mit dem polnischen Staat um Rückgabe ihres Eigentums.

Der Besuch der Innenräume ist nur mit Führung möglich. Um das wertvolle Parkett zu schonen, erhalten die Besucher gleich am Eingang blaue Plastiküberzieher für die Schuhe, die ziemlich unansehnlich sind und an OP-Müllbeutel erinnern. (Die früher üblichen Filzpantoffel waren eindeutig gemütlicher.) Im Treppenhaus machen wir vor einer großen Ahnentafel halt, und die Führerin erläutert uns geschlagene15 Minuten die Genealogie des Geschlechts der Zamoyskis. Ich schalte bereits nach 3 Minuten meine Ohren auf Durchzug. Ein etwa dreijähriger Knirps fängt an zu quängeln. Die Beschwörungen der verzweifelten Eltern, er solle brav sein, dann dürfe er sehen, wo die schöne Gräfin Sofie genächtigt habe, fruchten nicht viel. Das Gequängel verwandelt sich in ein ohrenbetäubendes Gebrülle. Die Museumumsführerin zuckt ein wenig mit der rechten Augenbraue, setzt aber unbeirrt mit ihren Ausführungen fort. Ich frage mich, ob die Leute in dem Lärm überhaupt noch etwas verstehen können. Vielleicht sollten wir mitbrüllen, dann zieht die Karavane womöglich weiter. Nach einigen Minuten setzt sich die Gruppe tatsächlich wieder in Bewegung. Der Kleine hat sich mittlerweile auch ein wenig beruhigt. „Bleiben Sie bitte auf dem Teppich“, haucht es aus dem Mund der Führerin. Tja, wenn das so einfach wäre… Wir betreten ein prunkvolles, mit Familienporträts behängtes Treppenhaus und steigen über eine geschwungene Marmortreppe in Belle Etage, wo sich die Wohnräume der Familie befanden. „Jetzt möchte ich Sie bitten, die Teppiche nicht mehr zu betreten“, ermahnt uns die resolute Dame. „Bitte nichts anfassen, nicht auf die Exponate setzen und keine Fotos machen“. Frank verzieht das Gesicht. Wir hatte druchaus nicht vor gehabt, uns auf die Ausstellungsstücke zu setzen. Aber keine Fotos? Und das bei den gepfefferten Eintrittspreisen…

Ich schaue mir weniger die Details an (die zugegeben sehr interessant sind in Anbetracht der Tatsache, dass das gesamte, reiche Originalinventar der Schlossinnenräume erhalten geblieben ist), betrachte eher die Gesamtarchitektur der Räume und lasse die Atmosphäre auf mich einwirken. Nacheinander durchschreiten wir die Schlafräume der Gräfin, des Grafen, bewundern ihre Badezimmer mit Bidets aus Meissner Porzellan, das Herren- und Jagdzimmer, die Bibliothek. Im Speisesaal werden wir angewiesen, im Gänseschritt hintereinander dicht an den Fenstern entlang zu laufen – wegen der Alarmanlage. Nur, weil am anderen Ende des Raumes ein wuchtiger Schrank mit ausgestelltem Tafelsilber steht. Meine Güte. Die ständigen Gängelungen nerven – nicht nur mich. Einige der Besucher in der Gruppe fangen schon an zu witzeln. Der Dreijährige findet die Führung nun richtig hipp: Wie aufgezogen rennt er hin und her, macht Schabernack mit den kunstvoll gerafften Gardinen und entzieht sich geschickt den Fangarmen der weniger geschickten Erzeuger. Die Führerin wirft ihnen giftige Blicke zu, sagt aber nichts. Auch eine weitere Mitarbeiterin des Museums, die unsere Gruppe auf Schritt und Tritt begleitet, lächelt nur verunsichert. Eines muss man den Leuten lassen: Wenigsten Kindern gegenüber sind sie tolerant.

Nach der Führung frage ich mich, ob das verstaubte Museumskonzept nicht eher in das Museum des „Sozialistischen Realismus“ gehöre, das in einem Nebengebäude untergebracht ist. (bw)

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