Urlaub Tag 9 – Wartha, Frankenstein und Kamenz

Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt
Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Wartha (Bardo). Foto: Frank Hilbert

Eine Mamuttour steht heute auf dem Programm: die Besichtigung der Städte Wartha (Bardo), Frankenstein (Ząbkowice Śląskie) und des kleinen Ortes Kamenz (Kamieniec Ząbkowicki) mit seinem pompösen Schloss und einem barocken Kloster.

Auf der Fahrt nach Frankenstein legen wir in Wartha nordöstlich von Glatz (Kłodzko) einen Zwischenstopp ein. Nahe des Marktes der nicht einmal 3.000 Einwohner zählenden Stadt an der Glatzer Neiße (Nysa Kłodzka) finden wir einen Parkplatz. Auf den Straßen herrscht ungewöhnlich lebhafter Betrieb für eine so kleine Stadt. Herausgeputzt schlendern Menschen gemächlich in Richtung der im barocken Stil errichteten Wallfahrtskirche „Mariä Himmelfahrt“ (Bazylika Mniejsza Nawiedzenia Najświętszej Maryi Panny).
Bekannt ist die Stadt als Pilgerort. Auf dem 584 m hohen Warthaer Berg südlich der Stadt steht die zwischen 1617 und 1619 errichtete Marienkapelle, die seit Jahrhunderten Ziel von Pilgern ist. Der Weg hinauf auf den Berg führt zunächst über eine steinerne Brücke, die ihre neogotische Form 1909 erhielt, und am Ursulinen-Kloster St. Angelika (Zgromadzenie zakonne Sióstr Urszulanek Unii Rzymskiej) vorbei. Weil wir und heute noch Frankenstein und Kamenz anschauen wollen, verzichten wir auf den Aufstieg und fahren weiter in Richtung Frankenstein.

Schlossruine Frankenstein
Die Schlossruine in Frankenstein (Ząbkowice Śląskie). Foto: Frank Hilbert

Was hat der Ort Frankenstein mit dem Roman „Frankenstein“ (zum ersten Mal 1818 erschienen) zu tun? Nichts. Der Roman von Mary Shelley erzählt die Geschichte des Schweizer Viktor Frankenstein, der in die Rolle des Schöpfers schlüpfte und einen künstlichen Menschen erschuf. Das tat er an der Universität Ingolstadt und nicht im schlesischen Frankenstein.
Von einem grausamen Ereignis ganz anderer Art berichten die Frankensteiner Chronik. 1606 brach in der Stadt die Pest aus und forderte 2.066 Todesopfer (andere Quellen gehen von 2.961 Toten aus). Verantwortlich für den Ausbruch der Seuche machte man die Totengräber der Stadt, die den Menschen vergiftete Pulver und Salben vor die Haustüren gestreut und auf die Türschwellen geschmiert haben sollen. Die vermeintlichen Mörder legten unter Folter falsche Geständnisse ab und wurden hingerichtet.

Skelett
Ein Skelett erschreckt die Besucher der Frankensteiner Schlossruine. Foto: Frank Hilbert

 

Vom Frankensteiner Schloss stehen nur noch die Außenmauern. Es wurde zwei Jahre vor Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) gesprengt. Im südöstlichen Teil des einstigen Prachtbaus informiert eine kleine Ausstellung über die Geschichte und die Pest im 17. Jahrhundert. Eine freundliche Mitarbeiterin des Museums stattet uns mit allem möglichen Informationsmaterial aus, für das wir uns tausendmal bedanken, bevor wir in Richtung Marktplatz von dannen ziehen.
Eine Katze, ein dicker rotbrauner Brummer, der auf der Fensterbank eines geöffneten Fensters sitzt und die Passanten aufmerksam beäugt und sich von uns gnädigerweise kraulen lässt, ist der Anlass für ein fast halbstündiges Gespräch mit einem älteren Einwohner. Zunächst bin ich wegen der nicht eingeplanten Verzögerung genervt, weil noch das Schloss in Kamenz auf dem Programm steht. Doch der Rentner lässt sich nicht abwimmeln und nimmt uns mit seiner Lebensgeschichte, die er vor uns ausbreitet, mit auf eine Reise durch die jüngere polnische Geschichte. Sein Vater, so erzählt er uns, stammte aus Wolhynien, das bis 1945 zu Polen und seitdem zur Sowjetunion bzw. Ukraine gehört. Den Krieg verbrachte der Vater in Tschenstochau, wo er von den deutschen Besatzern verhaftet worden ist, weil er flüchtigen Soldaten der Heimatarmee geholfen hatte, die nach dem Warschauer Aufstand 1944 aus der Hauptstadt geflohen waren, sich vor den Deutschen zu verstecken. Zur Strafe musste er in Breslau (Wrocław) Zwangsarbeit leisten und wurde noch kurz vor Ende des Krieges noch nach Sachsen gebracht.
Er selbst sei nach dem Krieg auf die Welt gekommen. Als er von seinem Grundwehrdienst in der polnischen Volksarmee erzählt, wird seine Stimme zittrig und seine Augen werden feucht. Er erzählt uns, dass er 1970 am Warschauer Flughafen gegen streikende Warschauer mit Wasserwerfern vorgehen musste. „Es tut mir leid“, sagt er. Ich bin peinlich berührt. Damals war es in Polen zu Demonstrationen gekommen, weil die kommunistische Regierung die Lebensmittelpreise um 20 Prozent erhöht hatte.

Nachdem wir uns verabschiedet haben, sehe ich auf dem Markt einen jungen Mann im blauen T-Shirt und kurzer Jeanshose mit einem Softeis in der Hand. Ich frage ihn auf Polnisch, wo er das Eis gekauft hätte. Verdutzt sieht er mich an und weist schweigend mit ausgestrecktem Arm in die Richtung hinter meinem Rücken. Dort sehe ich eine großes offenes Fenster, durch das ich im Halbdunkel des Raumes die Konturen einer Eismaschine erkenne. Der Schriftzug „Café“ Frankenstein prangt an der Fassade. Er hat meine Frage verstanden. So schlecht kann mein Polnisch also doch nicht sein. Ich bin erleichtert. Ich gönne mir ein Softeis „mały“ (klein), dass unter einer dicken Schickt Schokokrümel verschweindet und schlendere zum Dominikanerkloster, von dessen kleinen Garten ich Fotos schießen möchte. Es ist ein wenig umständlich, denn während ich in der einen Hand das Eis halte, muss ich mit der anderen die Einstellungen an der Kamera vornehmen und – nachdem ich sie endlich stabil in der Hand halte – auf den Auslöser drücken. Hat geklappt.
Als ich mich umdrehe, steht der ältere Herr vor mir, dessen Vater aus Wolhynien stammte.  Die barocke Klosterkirche sei sehr schön, sagt er und lächelt mich an. Noch prachtvoller sei die spätbarocke St.-Hedwigs-Kirche in der ul.Bolesława Chrobrego südlich der Innenstadt. „Eine Perle des Barocks. Die musst du dir unbedingt anschauen.“ Später fahren wir hin und stehen vor verschlossenen Türen. Schade.
Als unsere Straßenbekanntschaft erfährt, dass unsere nächste Station an diesem Tag ds Schloss nach Kamenz ist, erzählt er uns, dass in den 1950er Jahren die Treppenstufen des Schlosses nach Warschau geschafft worden sind, wo man nun auf ihnen zum Eingang des Kulturpalastes emporsteigt.

Kostümiertes Paar
Ein kostümiertes Paar vor dem Eingang zum Schloss in Kamenz. Foto: Frank Hilbert

Das Schloss in Kamenz ist ein Prachtbau aus Backstein mit einem ausgedehnten Park, der noch darauf wartet, aus seinem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Vor dem Eingang des Schlosses steht ein Paar. Entsprechend der Mode des Fin de Siècle hat sie ihr wundervolles schwarzes Haar hochgesteckt und unter einem Hut mit überbreiter Krempe verborgen. Der feine Herr trägt nebst Frack einen hohen Zylinder. Ihr dunkelblaues Kleid hat die Dame in mühevoller Kleinarbeit nach alten Entwürfen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert selbst genäht, erzählt sie uns auf Deutsch, das sie von ihrer Großmutter gelernt hat.  Das Paar gehört einem Verein an, der sich der Pflege der Mode aus dem 19. Jahrhundert verschrieben hat. Auf Polnisch heißt der Verein Stowarzyszenie Rekonstrukcji Historycznej i Kostiumingu „Krynolina“. (fh)

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