Urlaub Tag 8 – Wanderung auf dem Weg der „Solidarität“-Boten

Heidelberg (Góra Borówkowa)
Aussichtsturm auf dem 899 m hohen Heidelberg (Góra Borówkowa). Foto: Frank Hilbert

Die Wetterfrösche haben für heute Sonnenschein mit ein paar Wölkchen und Temperaturen von knapp über 20 Grad Celsius vorhergesagt. Ein Blick aus dem Fenster straft sie Lügen, denn am Himmel hängen dunkelgraue Regenwolken. Trotzdem halten wir an unserem Ausflugsprogramm fest, auf dem für heute eine Wanderung auf dem Weg der „Solidarität“-Boten in der Nähe von Bad Landeck (Lądek Zdrój) steht.

Der Wanderweg beginnt direkt am polnisch-tschechischen Grenzübergang zwischen Bad Landeck und Krautenwalde (Travná) in Tschechien. Dorthin fahren wir mit dem Auto und stellen es auf einem Parkplatz an der Grenze ab.
Errichtet wurde der Weg der Solidarität im Gedenken an ein konspiratives Treffen von Oppositionellen der damaligen Volksrepublik Polen und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) am 21. August 1987 auf dem 899 m hohen Heidelberg (Góra Borówkowa) ganz in der Nähe, der unser erstes Ziel ist, das wir nach nicht einmal einer Stunde gemütlichen Fußmarsch über beinahe ebenes Gelände erreichen.

Über den Heidelberg verläuft die deutsch-polnische Grenze, die auch eine Grenze zwischen tschechischer Gemütlichkeit und polnischem Geschichtsbewusstsein darstellt. Während auf der polnischen Seite eine Informationstafel mit einem großen Foto über das konspirative Treffen der Oppositionellen informiert, stehen in Tschechien ein solider Aussichtsturm aus Stein und Holz und ein kleiner Kiosk mit Sitzgelegenheiten. Der Kioskbetreiber ist gerade erst eingetroffen und feuert den Grill an. Zwei junge Männer aus Tschechien, die mit Mountainbikes den Berg hinauf gestrampelt sind, sitzen auf Holzbänken und verzehren ihre selbst geschmierten Wurstbrote. Eine Kontaktaufnahme scheitert am Interesse und an den fehlenden Sprachkenntnissen. Im holprigen Englisch erzählt uns einer der beiden Tschechen, woher sie kämen. Ich habe ihn nicht verstanden.
Wir stiefeln den Turm hinauf und blicken über das Glatzer Land im Süden und bis zu den Staubecken bei Ottmachau (Otmuchów) in der Wojewodschaft Oppeln (Opole). Die dunkelgrauen Wolken hängen so tief, dass es aussieht, als würden sie die mit duklem Wald bewachsenen Bergkuppen berühren. Über uns – unter dem Dach der Plattform- hängt eine runde weiße Scheibe mit den Himmelsrichtungen: Neisse (Nysa) 33 km, Ottmachau (Otmuchów) 21 km, See Neisse (Jezioro Nyskie) 23 km im Osten , Bad Landeck (Lądek Zdrój) 5 km, Schwarzer Berg (Czarna Góra)  1.205 m. n. m. 17 km im Süden und Gomola Jesionowska 702 m. n. m. 5,5 km im Westen.
Der Kioskbesitzer hat die große Holzklappe an seinem Kiosk entfernt. In der hinteren Ecke steht ein schwarzer Wasserkocher, der seinen Strom von einem Generator bezieht, der laut vor sich hin tuckert und seine Abgase über die Gäste verbreitet. Der Wind steht einfach ungünstig. Ich bestelle zwei Kaffee und erhalte sie in Plastikbechern mit der auf Deutsch formulierten Frage serviert: „Möchten Sie Milch dazu?“ Ich möchte und greife mir die vier Milchbecher, die der Kioskbesitzer in Zeitlupe neben die Becher gelegt hat. Wir finden Plätze bei zwei Familien mit vier Kindern im vorpubertären Alter. Meine Begleitung kann es nicht lassen und fängt sofort ein Gespräch über Fußball im Allgemeinen und über polnische Fußballspieler im Speziellen an. Wahrscheinlich hat er gestern zu lange in seinem Buch über den polnischen Fußball gelesen, das er sich in Glatz (Kłodzko) gekauft hat. Der angesprochene Vater ist hellauf begeistert über den Deutschen, der Polnisch spricht und sich so gut im (polnischen) Fußball auskennt. Fußball scheint auch sein Steckenpferd zu sein, denn er trägt ein rotes T-Shirt mit dem Logo der Fußball-EM 2012, die in Polen und in der Ukraine ausgetragen wurde: „Bei Biedronka (Anm. Lebensmitteldiscounter, dts. Marienkäfer) gekauft“, grinst er uns an.

Friedhof in Krautenwalde (Travná)
Deutscher Grabstein mit der Inschrift „Gelobet sei Jesus Christus“ auf dem Friedhof in Krautenwalde (Travná). Foto: Frank Hilbert

Wenn wir jetzt direkt zum Auto zurücklaufen, sind wir gegen Mittag wieder in unserer Pension. „Muss nicht sein“, sind wir uns einig. Wir schlagen unsere Wanderkarte auf und suchen nach Alternativrouten. Es dauert nicht lange, bis wir uns entschließen, nach Krautenwalde in Tschechien und von dort zurück zum Parkplatz zu laufen. Gleich hinter dem Aussichtsturm biegt der Wanderweg in Richtung Krautenwalde links ab. Es geht gemütlich leicht bergab. Zwischendurch gewinnt die Sonne den Kampf gegen die dicken dunkelgrauen Wolken und verwandelt das Dunkelgrün der Pflanzen in ein Hellgrün. Wir laufen und laufen und laufen … „Bis du dir sicher, dass wir uns nicht verlaufen haben?“ fragt mich mein Begleiter. „Laut Wanderkarte sind wir richtig.“ Dagegen spricht, dass wir die letzte Markierung des Wanderweges vor gut 15 Minuten passiert haben. Ich krame mein Smartphone aus der Tasche und öffne die Naviapp. Wir sind richtig und laufen weiter, gegen die Zweifel meines Begleiters. Nach zweieinhalb Stunden begrüßt uns eine kleine Kirche in Trautenwalde. Unsere Mägen knurren. Wir wollen unbedingt etwas essen. Aber wo? An einem Haus prangt die Aufschrift „Restaurant Waldheim“. Doch es ist geschlossen. Ein junger Mann erklärt uns, wie wir zum nächsten Restaurant gelangen. Es heißt „Restaurace U Oravců“. 20 Minuten Fußweg. Am Ende sind es dreißig Minuten, weil ich unbedingt noch ein Foto von den deutschen Grabsteinen auf dem Friedhof schießen muss. Die schnörkellose Fassade des“Restaurace U Oravců“ ist okkerfarbend gesrichen, innen stehen rustikale Holzbänke an genauso rustikalen Tischen, die Wände sind bis in 1.20 m Höhe getäfelt und mit Bildern, Infoblättern und Hinweisschildern gepflastert. Viele Tische sind nicht mehr frei. Auch der Stammtisch ist – es ist gegen 15 Uhr – besetzt. Schließlich setzen wir uns an einen Holztisch im Anbau zwischen zwei polnischen Frauen mit ihren Kindern und einen Tischfußball. Der Kellner ist ein schlaksiger Typ mit dicken Brillengläsern, sehr freundlich und eine echte Plaudertasche. Mit einem Kauderwelsch aus Tschechisch, Polnisch und Deutsch bedient er das internationale Publikum. In den Pausen tratscht er mit den Stammgästen und quarzt Zigaretten. Wir bestellen – wie kann es anders sein – Knedliky mit Sauerkraut und Schweinefleisch, dazu je ein großes Spezi und zum Nachtisch Naleśniki z lodami (Eierkuchen mit Eis)  – damit wir genug Energie für den bevorstehenden Rückmarsch plus ein paar hundert kcal Sicherheitsreserve haben 😉  Die beiden Frauen am Nebentisch kommen aus der Gegend um Stettin und verbringen ihren Urlaub ebenfalls im Glatzer Land. Ihre Kinder – zwei Mädchen und ein Junge – haben den Tischfußball für sich entdeckt. Mein Begleiter kann nicht widerstehen und spielt mit. Die Frauen sind begeistert und fragen uns, ob sie uns mit zurück nach Polen nehmen könnten. Wir lehnen ab, schließlich müssen wir die kcal wieder abwandern, die wir gerade zu uns genommen haben. Mein Begleiter bläht demonstrativ seinen Bauch auf und erhält verständnisvolle Blicke für unsere Entscheidung.

Badeanstalt in Altmohrau (Stara Morawa)
Ideal für Familien mit Kindern – die Badeanstalt in Altmohrau (Stara Morawa) im Glatzer Land. Foto: Frank Hilbert

Am Nachmittag ist der Himmel strahlend blau. Kein Wölkchen am Himmel. In der Pension packen wir die Badehosen ein und fahren in die Badeanstalt nach Altmohrau (Stara Morawa) südlich von Bad Landeck. (fh)

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