Urlaub Tag 7 – Glatz (Kłodzko), ein Ausflug in die deutsch-polnische Geschichte

Plakat mit Infos über Vertreibung von Deutschen
Plakat mit Informationen über die Vertreibung von Deutschen aus dem Glatzer Land. Foto: Frank Hilbert

Der siebente Tag unserer Urlaubsreise in das Glatzer Land führte uns nach Glatz (Kłodzko), wo wir die historische Innenstadt und die Festung Glatz besichtigten. Es wurde auch ein Ausflug in die deutsch-polnische Geschichte.

„Wer erinnert an die Leiden der Polen?“

Eine bedruckte Plane gespannt in einen blauen Rahmen an der Mauer des Franziskanerklosters in Glatz. „Wysiedlenia Niemców“ lautet die Überschrift. Darunter ein paar Fotos, die Kopie einer Seite des „Grafschafter Boten“ mit der Headline „Im Februar 1946 begann die Vertreibung der Deutschen aus der Grafschaft Glatz“ und ein erläuternder Text in polnischer Sprache. Der englische und der deutsche Text sind wesentlich kürzer:

„Zwanghafte Aussiedlung der Deutschen. Erste Ausfuhr aus Glatz fand am 19. Februar 1946 um 17.10 statt. Die Übersiedlung folgte im Lastzug, in einem Wagon waren 30 Leute. Letzte Ausfuhr war aus Glatz am 25. August 1947. Dann waren im Zug 667 Leute.“

Irgendjemand hat das Wort „Ausfuhr“ mehrmals durchgestrichen und darunter in krakeliger Schrift „Vertreibung“ geschrieben. Als wir uns das Informationsplakat durchlesen, kommt ein greiser Pole auf uns zu. „Was halten Sie davon?“ fragt er. „Wer erinnert an die Leiden der Polen?“ Wütend hat er seine Augenbrauen in der Mitte zusammengezogen. Er habe den Beginn des Zweiten Weltkrieges als Kind in Wieluń (deutsch: Welun), einer kleinen Stadt auf halben Weg zwischen Breslau und Lodz, miterlebt. „Es war grausam“, erzählt er. Vermutlich begann hier – und nicht mit dem Beschuss der Westerplatte in Danzig (Gdańsk) durch den Kreuzer „Schleswig-Holstein“ – der Zweite Weltkrieg. Sturzkampfbomber des Stuka-Geschwaders 76 der Luftflotte 4 griffen am 1. September 1939 um 4.40 Uhr den 16.000 Einwohner zählenden Ort an. Sie zerstörten zuerst ein Krankenhaus und beschossen gezielt die völlig überraschten Einwohner mit ihren Bordwaffen. 1.200 Menschen starben. Nach dem Angriff lagen 70 Prozent der Stadt in Trümmern. Der Stuka-Angriff gilt als das erste Kriegsverbrechen, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in Polen verübten.

Brücktorbrücke
Die Brücktorbrücke in Glatz (Kłodzko). Frank Hilbert

„Auch nur Vertriebene“

Nur wenige Minuten nach unserer Begegnung vor dem Plakat treffen wir auf der  Brücktorbrücke (Most świętego Jana) zwei über 80 Jahre alte Frauen aus Deutschland, zwei Heimwehtouristinnen, die während ihres Aufenthaltes in Polen in Bad Altheide (Polanica Zdrój), ihrem Geburtsort, wohnen. Einquartiert haben sie sich in einem Hotel ganz in der Nähe der Sommerrodelbahn. Praktischerweise steht das Hotel auch nicht weit von ihren Geburtshäusern entfernt. „Naja, so schön wie früher sieht das Haus meiner Eltern nicht mehr aus“, sagt die eine der beiden Frauen. „Was vorbei ist, ist vorbei. Schließlich waren die neuen Bewohner auch Vertriebene, aus Ostpolen.“ In ein paar Jahren, denke ich, als ich den Frauen zuhöre, wird es keine Augenzeugen mehr geben, weder polnische noch deutsche, und mit ihnen werden die – wenn auch so gegensätzlichen – Erinnerungen verschwinden. (fh)

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