Urlaub Tag 4 – Łambinowice und St. Annaberg

Denkmal des Martyriums der Kriegsgefangenen
Denkmal des Martyriums der Kriegsgefangenen auf dem Friedhof für sowjetische Soldaten. Foto: Frank Hilbert

Die Wojewodschaft Opole, ein Teil des früheren Schlesien, die heute auf der Landkarte eingeklemmt ist zwischen den Wojewodschaften Niederschlesien und Schlesien, kenne ich kaum. Nur die Städte Brieg (Brzeg), Oppeln (Opole) und Gogolin habe ich besucht. Schon immer wollte ich das Museum des Kriegsgefangenenlagers in Lamsdorf (Łambinowice) und den St.-Annaberg besuchen. Zwei Orte mit Geschichte.

In Lamsdorf befand sich ein deutscher Truppenübungsplatz, der seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1871 immer wieder als Kriegsgefangenenlager genutzt wurde. Traurige Berühmtheit erlangte Lamsdorf während und nach dem Zweiten Weltkrieg, als hier Soldaten der Roten Armee  und anderer Armeen der Anti-Hitler-Koalition unter erbärmlichen Bedingungen inhaftiert waren.  Aber auch Soldaten der polnischen Heimatarmee, die am Warschauer Aufstand 1944 teilgenommen hatten, internierten die Deutschen hier. Von den über 400.000 Soldaten und Aufständischen, die das Lager durchlaufen haben sollen, starben geschätzt 42.000. Nach dem Krieg waren es Deutsche, die hier ebenfalls unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt waren.

Sowjetische Kriegsgefangene hausten in Erdlöchern

Gleich nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg. Die Fahrt bis nach Lamsdorf dauert etwa eineinhalb Stunden. Hinter dem Eingang zum einstigen Truppenübungsplatz (polnisch poligon) steht das frühere Verwaltungsgebäude des Übungsplatzes, in dem heute ein Museum mit einer modernen Ausstellung untergebracht ist. Der Eintritt ist frei. Zufällig treffen wir den Kurator, der uns eine Einführung in die Geschichte von Strafgefangenlager gibt. Er erklärt uns die Unterschiede zwischen Stalags (Stammlager) und Oflags (Offizierlager) und berichtet, dass die Deutschen die sowjetischen Kriegsgefangenenlager am schlechtesten behandelten. In Lamsdorf hausten sie in den ersten Monaten – bis der Bau der Baracken abgeschlossen war – in Erdlöchern. Ausführlich erzählt er von der Ermordung polnischer Offiziere in den Wäldern von Katyn und davon, dass auch Massaker an polnischen Offizieren in Kalinin und Charkow verübt worden seien.

Arbeitslager Łambinowice

Ausstellung über das Arbeitslager Łamborwice 1945 - 1946
Ausstellung über das Arbeitslager Łamborwice, in dem zwischen 1945 und 1946 Deutsche inhaftiert waren. Foto: Frank Hilbert

Vor dem Museum stoßen wir auf eine Gruppe Jugendlicher aus Polen, Deutschland und der Ukraine, die auf einem der Friedhöfe der Gedenkstätte, auf dem während des Ersten Weltkrieges verstorbene Kriegsgefangene beigesetzt wurden, Gräber pflegen. Es ist ein Projekt des Vereins Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Das Gelände der Gedenkstätte ist riesig. Bis zu zehn Kilometer im Durchmesser. Überall verstreut liegen Friedhöfe, Gedenksteine, Überreste von Unterkünften und Wirtschaftsräumen. Im Wärterhäuschen beim Museum beschäftigt sich eine Ausstellung mit dem Schicksal der deutschen Gefangenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg hier – im Arbeitslager Łambinowice – untergebracht waren. Eindrucksvoll werden die unmenschlichen Bedingungen unter dem Lagerkommandanten Czesław Gęborski am Beispiel von Einzelschicksalen dargestellt. Auch über die juristische Aufarbeitung dieses Kapitels der polnischen Geschichte wird berichtet. Im Jahr 2000 begann in Oppeln (Opole) ein Prozess gegen Gęborski, in dem ihm achtundvierzigfacher Mord an Lagerinsassen vorgeworfen wurde. Noch vor Prozessende verstarb der pensionierte Geheimdienstmitarbeiter, sodass es nicht mehr zu einem Urteilsspruch kam.

Kriegsgefangenenlager Lamsdorf – Stationen

Wir besichtigen den Friedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen, die Reste der Unterkünfte, den Friedhof des Arbeitslagers Łambinowice und den Friedhof aus dem Ersten Weltkrieg, auf dem die Jugendlichen arbeiten. Wie der Zufall es will, erzählen uns am Abend die beiden Töchter unserer Freunde in Gogolin – denen wir spontan einen Besuch abgestattet haben -, dass sie in ihrer Schulzeit ebenfalls in einem Projekt des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Łambinowice gearbeitet hätten. Damals seien sie mit einem Bus der Bundeswehr dorthin gefahren. „Der Bus der deutschen Armee hat eine Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen“, erinnert eine der beiden.

Der St. Annaberg

St. Annaberg
Klosterkirche mit Paradieshof auf dem St. Annaberg. Foto: Frank Hilbert

Der St. Annaberg ist ein katholischer Wallfahrtsort und zugleich ein Zeugnis für das konfliktreiche Zusammenleben von Deutschen und Polen in Oberschlesien im 20. Jahrhundert. Am 20. März 1921 fand eine Volksabstimmung statt, bei der sich 59,6 Prozent der Wahlberechtigten für einen Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland ausgesprochen hatten. Ein Vorschlag der Briten und Italiener sah vor, das drei Viertel Oberschlesiens – einschließlich der Industrieregionen im östlichen Teil Oberschlesiens – Deutschland zugeschlagen werden. Polnische Nationalisten opponierten und begannen den Dritten Aufstand in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg. Im Verlauf dieses Aufstandes fand vom 21. bis 27. eine Schlacht auf dem Annaberg statt, aus der die Deutschen siegreich hervorgingen. Annaberg verblieb bei Deutschland und in den 1930er Jahren errichteten die Nationalsozialisten auf hier ein Freilichttheater als Thingstätte mit einer Rotunde, das sie für propagandistischen Großveranstaltungen nutzten.

Freilichttheater und Denkmal der aufständischen Tat
Freilichttheater und „Denkmal der aufständischen Tat“ auf dem Annaberg in Schlesien. Foto: Frank Hilbert

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört der Annaberg zu Polen. Die neuen Machthaber ersetzten die Rotunde durch das „Denkmal der aufständischen Tat“. Das Freilichttheater wurde für Großveranstaltungen genutzt, ist inzwischen aber stark verfallen. Ein Freund, mit dem ich heute dort war, sang im Theater „Can’t Help Falling in Love“ (Ich kann nicht anders als mich in dich zu verlieben.) von Elvis Presley. Nicht ganz passend. Die Akkustik im Theater ist jedoch phantastisch. (fh)

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