1.000 Tonnen Uran für die Sowjetunion

Eingang zur Zecke R 5 in Kowary
Eingang zur Zeche R 5 in Schmiedeberg (Kowary), in der nach dem Zweiten Weltkrieg Uranerz für die Sowjetunion abgebaut wurde. Foto: Frank Hilbert

Es ist dunkel im Stollen. Glühlampen alle paar Meter tauchen den Gang in ein schummriges Licht. Die Wände sind aus Gestein. Schwere Stahlträger stützen die Decke ab. Die Gruppe, die aus 20 Touristen besteht, hält vor einer Einbuchtung. In ihr stehen eine Glasplatte und ein Schild, das vor radioaktiver Strahlung warnt. „Das ist eine Glasplatte aus Bleiquarz, die für radioaktive Strahlung undurchlässig ist“, sagt die Führerin. „Dahinter befindet sich eine Uranader.“ Die Touristen besichtigen die Zeche R 5 in Schmiedeberg (Kowary), in der für die Sowjetunion Uranerz abgebaut wurde.Sie hebt zum Beweis einen Geigerzähler von der Erde auf und zeigt, wie hoch die radioaktive Strahlung vor und wie hoch sie hinter der Glasscheibe ist. „Aber“, sagt sie, „neben einer normalen Straßenlampe würde man sich einer höheren radioaktiven Strahlung aussetzen.“ Nach dem II. Weltkrieg haben die Sowjets in der Zeche R 5 in Kowary Uranerz im großen Stil abgebaut. Bestimmt war es für den Bau ihrer Atombomben. „Offiziell haben sie aus diesem Bergwerk 600 t Uran heraus geholt“, erzählt die Führerin. „Inoffiziell sollen es 1.000 t gewesen sein.“ Zu den beeindruckenden Fakten gehört auch, dass die Sowjets hier so viel Sprengmittel gelagert haben sollen, dass es ausgereicht hätte, den gesamten Berg in die Luft zu sprengen. Fakten, aufbereitet für Touristen. Über die Arbeitsbedingungen, unter denen die Bergleute in der damaligen Zeit arbeiten mussten, schweigt sie. Im Glatzer Land, gleich um die Ecke, haben die Sowjets in der heißen Phase des Kalten Krieges ebenfalls Uranerz fördern lassen und polnische Zwangsarbeiter eingesetzt. Frauen und Männer mussten das strahlende Material mit den bloßen Händen und ohne Schutzanzüge in Kisten verladen. Erst auf dem Flugplatz – kurz vor dem Abtransport in die Sowjetunion – haben die Sowjets die Fracht in Bleicontainer, die vor der radioaktiven Strahlung schützten, umladen lassen. Viele der Bergleute sind radioaktiv verseucht worden und später an den Folgen der radioaktiven Strahlung gestorben.

Anfänge des Bergbaus im Riesengebirge im Mittelalter

Die Touristengruppe schlängelt sich weiter durch die dunklen Gänge des einstigen Bergwerkes. An der Spitze geht die Führerin, die in ein langes braunes Gewand gekleidet ist. Es reicht bis zu ihren Waden und wird um ihre Taille von einer Schnur, so dick wie ein Daumen, gehalten. Auf ihrem Kopf trägt sie einen braunen Hut mit einer breiten Krempe. Ihre Kluft ist eine Anspielung auf die Kleidung, die die Wallonen getragen haben sollen. Die Wallonen stammten ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen Rumäniens und der Ukraine und gruben bereits im frühen Mittelalter im Riesengebirge nach Bodenschätzen wie Gold und Eisenerz. Zahlreiche der mittelalterlichen Stollen sind – versteckt in den Wäldern des Riesengebirges – bis heute erhalten geblieben. Unsere Führerin erzählt uns von den vielen Bodenschätzen, die im Riesengebirge vorkommen: Quarze, Kristalle, Amethyste (Die größten Vorkommen befinden sich bei Schreiberhau.). Auch erzählt sie etwas über das Pyrit, auch Katzen- oder Narrengold genannt. Es schimmert wie Gold auf den Steinen, ist aber völlig wertlos.

Radonhaltiges Wasser gegen Potenzprobleme

Wir bleiben an einem Seitenstollen stehen. Ein Wasserhahn ragt aus der Bergwand und dahinter beginnt ein Gang, dessen Wände und Decke mit weißen Plastikplatten verkleidet sind. Im Schein der Neonröhren schimmert der Gang bläulich. Radonhaltiges Wasser gibt es hier. Besucher können sich für eine Stunde die radonhaltige Luft einatmen und radonhaltiges Wasser trinken. Damit die Patienten in der feucht kalten nicht auskühlen, werden sie in Aluminiumfolien eingewickelt. Der Aufenthalt in den alten Stollen soll gegen die verschiedensten Gebrechen helfen: z. B. bei Atemwegserkrankungen wie Asthma, das Wasser soll angeblich auch gut für die männliche Potenz sein. Nach und nach lösen sich einzelne Männer aus unserer Gruppe und schleichen zum Wasserhahn. Eine Gruppe Kinder überholt uns. „Lassen Sie bitte die Rentner vorbei“, ruft der Führer der Kindergruppe. Eine Frau aus unserer Gruppe kichert. Der Reiseführer dreht sich um: „Ja, ja. Warten Sie nur ab, bis Sie nach einer Stunde das Bergwerk verlassen haben.“ (Text und Foto: Frank Hilbert)

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