Thomas Urban: Der Verlust – Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert

Cover des Buches Angesichts der Diskussion zwischen Polen und Deutschen um den Bau eines „Zentrums gegen Vertreibung“ in Berlin kam vor zwei Jahren das Buch von Thomas Urban „Der Verlust – Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert“ gerade zur richtigen Zeit in die Buchläden. Das Thema ist politisch heute noch immer hoch brisant. Seit Jahrzehnten fordern rechte Kräfte in den Vertriebenenverbänden und rechte Politiker in Westdeutschland Entschädigung für die materiellen Verluste der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Sie haben die polnische Westgrenze in Frage gestellt und damit politische Spannungen zu Polen erzeugt. Ausgeblendet haben sie dagegen, dass 1945 auch hunderttausende Polen ihre Heimat in Ostpolen, das seit Kriegsende zur Sowjetunion gehörte, verloren haben und dass es im 20. Jahrhundert bereits vor dem Jahr 1945 große Bevölkerungsverschiebungen gegeben hat. Betroffen waren nicht nur Deutsche, sondern auch Polen, Juden und Ukrainer. Allein für die Zeit zwischen 1939 und 1956 zählt Urban im Vorwort seines Buches 22 Bevölkerungsgruppen auf. Dazu zählt er unter anderem: „Vertreibung von Polen aus den ans Reich angeschlossenen Gebieten ins Generalgouvernement 1939 – 1943“, „Ansiedlung von Deutschen aus dem Baltikum, vom Balkan, aus der Sowjetunion im Warthegau und im Gebiet Zamość“, „Repatriierung von Polen aus Ostpolen 1945-49“ und „Spätaussiedler aus den Oder-Neiße-Gebieten in die Bundesrepublik und DDR (Familienzusammenführung) ab 1956“. Urban widmet sich der unterschiedlichen Wahrnehmung der Vertreibungen der Bevölkerungsgruppen durch Polen und Deutsche – eine der Stärken seines Buches.

In dem Buch „Der Verlust“ findet sich eine umfassende Darstellung der Bevölkerungsverschiebungen bis in die Nachkriegszeit. Dazu gehöre, schreibt Urban in seinem Vorwort, auch die Darstellung der Vertreibungen, die den Jahren 1945 und 1946 vorausgingen. Deshalb heißt das erste Kapitel seines Buches „Die preußischen Ausweisungen“. Zur Polenpolitik von Kanzler Otto von Bismarck gehörten im ausgehenden 19. Jahrhundert die Unterdrückung der polnischen Sprache als Folge des „Kulturkampfes“ und das Instrument von Ausweisungen unliebsamer Polen aus Posen und Westpreußen. Am Ende scheiterte Bismarck mit seiner Politik. Das hinderte polnische Nationalisten in der Zwischenkriegszeit nicht daran, die Instrumente Bismarcks nun gegen Deutsche einzusetzen und das Oder-Neiße-Gebiet, Sachsen, Teile Brandenburgs und die Tschechoslowakei als traditionelles Siedlungsgebiet der Westslawen zu bezeichnen. Die detaillierte Beschreibung der nationalen Bewegungen auf deutscher und polnischer Seite in der Zwischenkriegszeit, die Schilderung der drei Schlesischen Aufstände und der Volksabstimmungen über die Zugehörigkeit einzelner Gebiete zu Polen oder Deutschland geben einen umfassenden Überblick über die Ereignisse jener Zeit.

Sehr ausführlich geht Urban auf die Zeit des zweiten Weltkrieges ein. Für die deutschen Leser eher Unbekanntes bringt jedoch das Folgekapitel über die Besetzung der polnischen Ostgebiete und die anschließende „Repatriierung“, wie die Vertreibung der dort lebenden Polen im später kommunistischen Polen euphemistisch umschrieben wurde. Andere Themen sind: die Vertreibung von Ukrainern aus dem Südosten Polens, Flucht vor der heranrückenden Front, Schikanen der polnischen Verwaltung gegenüber Deutschen und die Einrichtung von Lagern wie in Lamsdorf bei Oppeln, in dem 8.000 Deutsche unter unmenschlichen Bedingungen kampieren mussten. Auch die Rolle der katholischen Kirche bringt Urban zur Sprache. Der polnische Kardinal August Hlond forderte im Jahr 1945 den in Schlesien aufgewachsenen Ferdinand Piontek, Kapitularvikar von Breslau, zum Rücktritt auf. Das sei der Wunsch des Papstes. Eine Lüge, wie sich später herausstellte.

Urbans Buch endet nicht mit der Nachkriegszeit. Im letzten Teil widmet er sich der Annäherung zwischen Polen und Deutschen. Ein wesentlicher Schritt dorthin war ein Brief, den Kardinal Stefan Wyszyński in den 60er Jahren am Rande des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom den deutschen Bischöfen übergab. Darin hieß es: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Urban berichtet über die polnische Vertreibungsdebatte, die Ende der 80er Jahre einsetzte. Möglich sind heute Bücher wie das des Danziger Schriftstellers Stefan Chwin „Tod in Danzig“ über das Schicksal des deutschen Arztes Hanemann und der zwangsumgesiedelten Ukrainerin Hanna im Danzig der Nachkriegszeit. Damit tritt er den Beweis an, dass man sich in Polen mit der Vertreibung der Deutschen auseinandersetzt.

Das Buch „Der Verlust“ ist verständlich geschrieben. Hier kommt dem Buch zugute, dass Urban von Hause aus Journalist ist. Einzelne Persönlichkeiten greift sich Urban heraus und stellt deren politische Ziele und deren biographische Eckdaten in Informationskästen zusammen. Herausgekommen ist ein an Fakten reiches und sehr kompakt geschriebenes Buch. Einfühlsam hat er sich in die Materie der Bevölkerungsverschiebungen im 20. Jahrhundert eingearbeitet. Ein Aufrechnen des Leids findet nicht statt. Vielleicht hat ihm dabei geholfen, dass seine Eltern aus Breslau stammen. „Von dort kommt auch meine polnische Frau Ewa“, schreibt er im Vorwort. „Die Familie ihrer Mutter hat die Schrecken der deutschen Besatzung im ‚Warthegau‘ erlebt, ihr Vater den sowjetischen Terror am Ostrand des damaligen Polens in Wolhynien, das heute zur Ukraine gehört. Auch sie alle haben im Krieg oder danach ihre Heimat verloren.“ (fh)

Thomas Urban
Der Verlust
Die Vertreibung der Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert
2004, 224 Seiten,
19.90 Euro,
ISBN 978-3-406-52172-0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*