Duda-Gracz & Olejniczak

„Ach ja, ich muss noch mein Handy ausschalten.“, fiept Barbara und kramt verzweifelt in ihrem Täschchen im Foyer der Hamburger Laieszhalle. Ein letzter Blick in den Spiegel, die Frisur sitzt und der Lippenstift ist auch nicht verrutscht. In einer halben Stunde beginnt das Klavierkonzert, zu dem das Generalkonsulat der Republik Polen in Hamburg anlässlich des polnischen Nationalfeiertags (des Tages der Unabhängigkeit, der in Polen am 11. November begangen wird) geladen hat. Der bekannte polnische Pianist Janusz Olejniczak (1970 war er der jüngste Laureat des 8. Internationalen Frederic-Chopin-Klavierwettbewerbs.) wird einige Werke Chopins aufführen. In einer multimedialen Schau sollen auf einer Leinwand wechselnde Bilder von Jerzy Duda-Gracz (1941-2004), einem polnischen Maler, Zeichner, Grafiker, Bühnenbildner und Universitätsprofessor, das Recital begleiten. Es ist die letzte große Bilderreihe des Künstlers, deren einzelne Aquarelle und Ölbilder durch Chopins Werke inspiriert wurden. „Während der Arbeit an den Werken ‚pilgerte’ Professor Jerzy Duda-Gracz zu allen Orten in Polen, die mit dem Leben Frederic Chopins verbunden sind. Dort, über die Musik des genialen Komponisten hinaus, suchte er nach Inspiration. Das Schaffen Chopins ist für Duda-Gracz eine Quintessenz des Polentums, der tiefste Ausdruck des Patriotismus und der Heimatliebe. Er war der Meinung, dass die ‚Krankheit an Polen’ für ihn und für Chopin gemeinsam sei und dass eben Polen ihrem Schaffen zugrunde liege, dass es die Grundlage für all ihre Inspiration darstelle“, lesen wir im Begleitheftchen zu der multimedialen Veranstaltung.

Die weißen Flügeltüren zum Konzertsaal öffnen sich. Unbeirrt steuert meine Frau die vorderen Reihen an und nimmt gleich hinter der VIP-Loge platz. Ich füge mich. Um uns herum verhallen polnische und deutsche Gesprächsfetzen. Zunächst befürchten wir, dass nur wenige kommen werden, so leer ist es im Saal. Doch zehn Minuten vor Beginn des Konzerts füllt sich der Saal schlagartig. Vom Balkon aus nicken uns – Vorfreude in den Gesichtern -zwei Nonnen freundlich zu. Die Anwesenheit einiger Geistlicher im Saal erklärt sich daraus, dass ursprünglich angedacht war, vor dem Konzert den Prälaten Jan Sliwinski mit dem Kommandeurskreuz des Verdienstordens der Republik Polen auszuzeichnen. In seiner Ansprache erklärt der polnische Botschafter, Dr. Marek Prawda, dass der Prälat erkrankt sei und die Ehrung bereits im Krankenhaus stattgefunden habe. Doch das ist noch nicht das Ende der schlechten Nachrichten. Der Ehrengast des Abends, Janusz Olejniczak, hat sich vor einigen Wochen das Bein gebrochen. So humpelt er auf die Bühne und jede Verbeugung vor dem Publikum bereitet ihm sichtlich große Anstrengung. Meisterhaft führt er die Werke Chopins – von der Nokturne über Mazurkas, Walzer bis hin zur Polonaise – mit ihrer breiten Palette an unterschiedlichen Stimmungen aus. Das Publikum will den Künstler nicht loslassen. Anhaltender Beifall beschert uns eine ausgedehnte Zugabe.

Anschließend lädt das Generalkonsulat die Gäste auf ein Glas Wein ins Foyer ein. Barbara murrt, als sie die Menschenmassen erblickt. Ich genieße meinen Wein, während Barbara nach Bekannten Ausschau hält.

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