Streit um deutsche Kulturgüter in Polen

Seit über einer Woche schwelt zwischen Polen und Deutschland ein Streit über die Rückgabe deutscher Kulturgüter, die während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen zum Schutz vor Bombenangriffen von Berlin nach Krakau gebracht worden und seither im Besitz Polens verblieben sind. Zu den kontroversen Kunstschätzen gehören zum Beispiel Bestände der Preußischen Staatsbibliothek (u. a. Handschriften von Goethe, Mozart und Beethoven sowie die deutsche Nationalhymne in der Handschrift Hoffman von Fallerslebens) und eine Sammlung alter Flugzeuge aus der Pionierzeit der Fliegerei.

Angeregt wurde die Diskussion durch einen deutschen Diplomaten, den Sonderbotschafter Tono Eitel. Eitel, der im Auftrag der Bundesregierung über die Rückführung deutscher Kulturgüter aus Polen und Russland verhandelt, bezeichnete diese als „Beutekunst“ und letzte „Gefangene“ des Zweiten Weltkriegs.

Polnische Einwände, dass die Deutschen ihrerseits während der sechsjährigen Besatzungszeit in Polen polnische Kunstschätze im Wert von umgerechnet 20 Milliarden Dollar vernichtet bzw. geraubt hätten, lässt er nicht gelten. In einem Interviewgespräch mit der Gazeta Wyborcza (vom 4./5. August 2007, S. 2) sagte er, dass der Verstoß Nazideutschlands gegen das internationale Recht anderen Ländern nicht den Weg weisen dürfe. Ferner habe Polen nach Kriegsende ein Viertel des Staatsgebietes des ehemaligen Deutschen Reiches erhalten und 1953 auf jegliche Schadensersatzansprüche gegenüber Deutschlands verzichtet und müsse sich nun – als Rechtsnachfolgestaat der kommunistischen Volksrepublik Polen – an den Vertrag halten. Demnach sei der Verbleib der deutschen Kulturgüter in Polen widerrechtlich.

Eitel verhandelt im Auftrag der Bundesregierung, die Polen auffordert, die in ihrem Besitz befindlichen deutschen Kunstschätze zurückzugeben. Dabei beruft sie sich auf die Haager Landkriegsordnung von 1907, die die Beschlagnahme von Kunstgütern verbiete, und auf den deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag von 1991, der Verhandlungen in dieser Sache vorsehe.

Die polnische Außenministerin Anna Fotyga hält Gespräche über die Rückgabe deutscher Kulturgüter im Rahmen beidseitiger Vereinbarungen und Regelungen für möglich. Allerdings betonte sie, dass die Deutschen höchstens mit einer “Geste” rechnen könnten, jedoch nicht in einer Atmosphäre, die gegen die polnische Staatsräson verstoße und schon gar nicht auf eine Art, die die Nachkriegsordnung de facto in Frage stelle.

 

2 Gedanken zu „Streit um deutsche Kulturgüter in Polen“

  1. Sehr geehrte Frau Barbara A. Woyno
    Zu Ihrem Beitrag “Streit um deutsche Kulturgüter in Polen” möchte ich gern folgendes anmerken. Wie Sie schon richtig in der Überschrift Ihres Artikels schreiben, handelt es sich nicht um irgendwelche Kulturgüter sondern um DEUTSCHE Kulturgüter. Diese Kulturgüter wurden Polen aber weder geschenkt noch verkauft oder anderweitig überlassen. Im Gegenteil! Diese Güter wurden von Deutschen auf der Flucht vor der sowjetischen Armee in den damaligen deutschen Ostgebieten zurückgelassen. Dieser Umstand begründet aber nach dem gültigen Völkerrecht keinen Besitzanspruch Polens auf diese Kulturgüter. Sie selbst verweisen in Ihrem Artikel ganz zu Recht auf die “Hager Landkriegsordnung von 1907″ und auch auf den Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrag von 1991 der ausdrücklich Verhandlungen über eine Rückgabe beinhaltet. Die Rechtslage ist somit eindeutig. Diese Kulturgüter waren und sind Eigentum Deutschlands, auch wenn sie sich gegenwärtig und widerrechtlich in polnischem Besitz befinden. Daß durch das faschistische Deutschland polnische Kulturgüter geraubt und vernichtet wurden, war ein Verbrechen am polnischen Staat, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Im Gegensatz zu Polen hat Deutschland aber für den angerichteten Schaden millionenfach Schadenersatz an Polen geleistet. Dabei weiß ich selbst, daß es für getötete oder ermordete Menschen keinen wirklichen Schadenersatz geben kann. Aber für die Wiedergutmachung materielle Schäden wurde im Potsdamer Abkommen festgelegt, daß Polen aus den Reparationen bedient werden sollte, die die Sowjetunion von Deutschland erhielt. Wenn das bis heut nicht geschehen ist dann ist das nicht die Schuld Deutschlands. Trotzdem hat Polen seit Kriegsende viele Millionen DM in vielfältiger Form ohne jegliche Gegenleistung von Deutschland erhalten. Zum Beispiel brauchte Polen vielfach deutsche Kredite nicht vollständig zurückzahlen oder sie wurden sogar völlig erlassen. Zum Beispiel stellte Deutschland 1996 105 Millionen DM für polnische Wojewodschaften an Oder und Neise zur Verfügung. Weitere 500 Millionen für die 1992 gegründete Stiftung “Deutsch-Polnische Aussöhnung”. 1993 wieder 120 Millionen für polens Grenzsicherung. Diese Aufzählung ließe sich noch fortführen was aber hier zu weit führen würde.
    Wenn nun die polnische Außenministerin, Frau Anna Fotyga lediglich eine symbolische Entschädigung bzw. Rückgabe deutscher Kulturgüter für angemessen hält und das dann auch noch mit der polnischen Staatsräson begründet, dann stellt sich mir die Frage, was das wohl für eine Staatsräson sein muß. Wenn sie in diesem Zusammenhang auch noch auf die “Infragestellung der Nachkriegsordnung” verweist, dann ist auch hier noch folgendes zu erwähnen. Wer hat denn diese sogenannte “Nachkriegsordnung” geschaffen? War das die UNO oder deren Vorgänger, der Völkerbund? Wurde Deutschland an der Schaffung dieser “Nachkriegsordnung” beteiligt? Weder das eine noch das andere war der Fall! Lediglich ein einzelner Mensch, noch dazu ein Massenmörder und Kriegsverbrecher, nämlich Stalin hatte in Jalta diese Gebietsveränderung gefordert. Die USA und England hatten diesem schändlichen Plan zugestimmt, weil sie hofften, damit ihren größten wirtschaftlichen Konkurenten zu schwächen. Damit wurde das Verbrechen der millionenfachen Vertreibung und der größte Landraub der jüngeren Geschichte besiegelt. Das ist die Wahrheit über die sogenannte “Nachkriegsordnung” und es scheint in Polen schon ein Verbrechen zu sein, wenn man an der Rechtmäßigkeit dieser Ordnung zweifelt. Nun könnte man sagen, das alles ist lange her und man sollte doch lieber die alten Geschichten ruhen lassen und lieber in eine gemeinsame Zukunft sehen. Als es aber um die gerechte Entschädigung polnischer Zwangsarbeiter ging, waren das keine alten Geschichten und ruhen lassen wollte man sie schon garnicht. Das es aber nach dem Krieg auch deutsche Zwangsarbeiter in Polen gab, das auch unschuldige deutsche Zivielpersonen in diesen Lagern gequält und ermordet wurden, wurde natürlich in Polen totgeschwiegen. Viele deutsche Politiker haben sich schon oft für die Untaten während des Krieges bei Polen entschuldigt aber andererseits hat es bisher noch keine polnische Regierung für nötig befunden, sich auch bei Deutschland für die Vertreibung und Ausplünderung von Millionen Deutscher zu entschuldigen oder gar eine Entschädigung für diese Menschen zu erwägen. Deutschland hat das ja auch aus Rücksicht auf die beiderseitigen Beziehungen weder gefordert oder auch nur daran erinnert. Wenn nun Deutschland den berechtigten Wunsch vorträgt, wenigstens seine Kulturgüter zurück zu erhalten, dann sollte es doch wenigstens in diesem Fall auf eine vollständige Rückgabe bestehen und nicht nur mit einer “symbolische” Geste abgespeist werden.

  2. Hier mit juristischen Argumenten zu arbeiten ist äußerst fragwürdig. Es müsste doch jedem einsichtig sein, dass Recht und Gerechtigkeit nicht unbedingt in Übereinstimmung zu bringen sind.

    Viel wichtiger wäre die grundsätzliche politische Frage: Wie sollen Polen und Deutsche in Zukunft zusammen leben? Meine Meinung: Das künftige Zusammenleben sollte nicht von einem ständigen Streit um materielle Güter geprägt sein. Um materielle Güter, die vor Jahrzehnten verloren gingen. Wenn diese so wichtig wären, dass man einander auch heute noch als Gegner ansehen müsste, welche Bedeutung hätten dann erst die immateriellen Verluste? Auf diese Art kommt man nicht weiter, es sei denn man wollte die ewige Feindschaft zwischen Deutschen und Polen.

    Der einzig konsequente Schritt wäre ein deutsch-polnischer Vertrag, der ein für allemal den uneingeschränkten Verzicht auf gegenseitige Forderungen hinsichtlich materieller Güter, die im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind, erklären würde. Dass Politiker lieber weiterhin das Herdfeuer der gegenseitigen Feindschaft nähren wollen, ist mir unverständlich.

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