„Angst“ im Visier der Staatsanwaltschaft

Wieder einmal sorgt der in den USA lebende Soziologieprofessor und Publizist Jan Tomasz Gross in seinem Geburtsland Polen für einen Eklat: Sein neues Buch „Fear: Anti-Semitism in Poland After Auschwitz” (dt. Titel „Die Angst. Antisemitismus in Polen nach dem Krieg“) schockiert mit der Schilderung von antijüdischen Ausschreitungen in Polen in den Jahren 1945-46. Eine der zentralen Thesen des Autors ist die vermeintlich breite Zustimmung in der polnischen Gesellschaft für antisemitische Pogrome zu jener Zeit. Den Hauptgrund dafür sieht Gross in der Aneignung des Eigentums der Holocaust-Opfer durch ihre polnischen Mitbürger und deren Angst vor der Rückkehr der rechtmäßigen Besitzer.

Wie bereits zuvor „Nachbarn“, so löste auch dieses Buch eine hitzige Debatte aus. Positiv wurde der offene Umgang mit den dunklen Flecken in der polnischen Geschichte gewertet. Heftig kritisiert haben dagegen Historiker, Publizisten und natürlich auch polnische Populisten Gross für eine aus ihrer Sicht oberflächliche Behandlung des Problems des Antisemitismus in Polen nach dem Zweite Weltkrieg sowie für die vielleicht zu leichtfertig aufgestellte Behauptung, dass jeder Mord an einem Juden in Polen antisemitisch begründet gewesen sei.

Lubliner Bischof: „Wahrheit erkennt man jedoch nicht mithilfe von Urteilen“

Beunruhigt durch die zahlreichen Pressepublikationen zu dem Buch ermittelt nun die Staatsanwaltschaft in Krakau gegen Gross – wegen Verleumdung gegen die polnische Nation. Nach polnischem Recht kann die Beleidigung des polnischen Staates mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren geahndet werden.

Unabhängig davon, was man persönlich von Gross` Buch hält, wird die Wahrung der Staatsräson, ohne das demokratische Recht auf freie Meinungsäußerung auszuhebeln, für die polnische Staatsanwaltschaft höchstwahrscheinlich zu einem wackeligen Balanceakt werden. Besonnen – meiner Meinung nach – hat sich zu dem Problem der Lubliner Erzbischof Józef Życiński in seiner Predigt im Lubliner Dom am letzten Sonntag geäußert: „Bücher schreibt man, um sie zu lesen, um über sie zu diskutieren. Wenn sie nicht gut sind, übergeht man sie schweigend. Die Staatsanwaltschaft ist keine Instanz, der man eine Buchlektüre verordnen sollte. In diesem Fall geht es um unser Nationalbewusstsein, das wir formen, indem wir nach Wahrheit suchen. Wahrheit jedoch erkennt man nicht mit Hilfe von Urteilen. (…)“ (Zitat: Online-Ausgabe der Gazeta Wyborcza vom 14.01.2008) (fh)

Ein Gedanke zu „„Angst“ im Visier der Staatsanwaltschaft“

  1. Thema : „Angst“ von J.T. Gross,

    Habe gerade über das Buch in der „Zeit“ gelesen und daraufhin hier
    nachgesehen, um mehr darüber zu erfahren. Ich glaube , daß ich mir die
    Lektüre des Buches ersparen werde, aber eines fällt mir dazu spontan ein:
    wenn dieses Buches in die Hände von rechtsradikalen Leuten gelangt,
    wird es für falsche Zwecke ausgeschlachtet: „siehste Mal, der Judenhass war nicht typisch deutsch „etc, dadurch wird relativiert, was einfach so stehen bleiben sollte, nämlich die deutsche Verantwortung
    an der Vernichtung der Juden in Europa. Ich fürchte, daß genau
    diese Diskussion zur Verharmlosung der Varantwortung uns Deutscher führen könnte. Daher: Finger weg, laß das Thema „Gros“ innerhalb
    Polens. Keine Teilwahrheiten im Nationalsozialismus suchen, keine
    Geschichtsrelativierung! Sorry Leute aber so seh ich die Sache.

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