Riesengebirge – Panoramablick von der Schneekoppe

Baude auf der Schneekoppe (Schronisko Na Sniezce)
Baude auf der Schneekoppe (Schronisko Na Sniezce). Im Tal liegt Krummhübel (Karpacz). Foto: Frank Hilbert

Eigentlich wollten wir am zweiten Tag unseres Urlaubs nicht auf die Schneekoppe laufen. Sie ist mit 1.602 m Höhe der höchste Gipfel im Riesengebirge. Für Flachtiroler aus Schleswig-Holstein ist  eine so anstrengende Tour gleich am zweiten Tag in den Bergen eine echte Herausforderung. Grundsätzlich hält man sich an die guten Vorsätze. Das Schicksal der guten Vorsätze ist jedoch deren kurze Verfallszeit. Strahlend blauer Himmel und Temperaturen um die 20 Grad Celsius. Ideales Wetter zum Wandern. Noch vor dem Frühstück holen wir die Wanderkarte aus dem Rucksack und planen die Tour. Hinauf soll es den schwarz markierten Wanderweg gehen. Extrem steil und schweißtreibend. Nach etwa 80 Minuten erreichen wir Bialy Jar (die „Seifengrube“). Hier biegt der schwarze Wanderweg nach links ab. Nach rechts zweigt der gelbe Wanderweg zur nur 20 Minuten entfernten Hampelbaude ab. Der Wanderweg ist heute wegen Lawinengefahr gesperrt. In der Vergangenheit sind hier häufig Schneelawinen abgegangen und haben Todesopfer gefordert. Vor 39 Jahren (30. März 1968) begrub eine Schneelawine 19 Touristen unter sich. An das Unglück erinnert eine Gedenktafel.

Wir folgen dem schwarz markierten Wanderweg (Schlesierhausweg). Knöchel tiefer matschiger Schnee erschwert den Aufstieg. Dafür ist der Blick ins Tal einmalig, ein herrliches Panorama auf Karpacz und Jelenia Góra. Wir laufen an der Seilbahnstation vorbei und erreichen schließlich die Schlesierbaude (1.400 m). Die Schneekoppe ist zum Greifen nah. Sie ragt kegelförmig empor und ist mit Geröll aus verwittertem Granit überseht. Noch ist sie zum Teil von einer Schneedecke umhüllt.
Jetzt beginnt der schwierigste Teil des Aufstiegs. Die letzten rund 200 m Höhenunterschied legen wir auf einem Wanderweg zurück, der im Zickzack die Schneekoppe hinaufführt. Ein Vater mit seinem 10 Jahre altem Sohn erklimmt den Gipfel – wie von einer unsichtbaren Kraft angetrieben – scheinbar ohne Probleme.
Andere Wanderer legen alle paar Meter eine Pause ein. Eine junge Frau in Turnschuhen kommt uns mehr den Berg hinab rutschend entgegen. Am Ende erreichen wir den Gipfel und werden für die Strapazen des Aufstiegs mit einem einmaligen Blick über das Riesengebirge belohnt. Nur einige wenige Schleierwolken treibt der Wind über uns hinweg. Die Meteorologen sagen, dass die Schneekoppe im Durchschnitt an 200 Tagen im Jahr von Wolken eingehüllt ist. Ich knipse den Chip meiner Digitalkamera voll. Panoramaaufnahmen, Außen- und Innenaufnahme vom auf polnischer Seite 1974 eröffneten meteorologischen Hochgebirgs-Observatorium, Aufnahmen von der kleinen Laurentiuskapelle, die geschlossen war. Die polnisch-tschechische Grenze verläuft quer über die Schneekoppe. Kurz nach Verhängung des Kriegszustandes in Polen im Dezember 1981 markierte ein über den Gipfel gespanntes Seil die Grenze. Damals habe ich als angehender Teenager von der tschechischen Seite aus die Schneekoppe bestiegen. Als ich Anstalten machte, über das Seil zu steigen, kamen zwei polnische Soldaten mit Maschinenpistolen aus der meteorologischen Station gelaufen und versperrten mir den Weg. Zum Glück ist das nun Geschichte.

Baude auf der Schneekoppe (Schronisko Na Sniezce)
Baude auf der Schneekoppe (Schronisko Na Sniezce). Im Tal liegt Krummhübel (Karpacz). Foto: Frank Hilbert

Zurück wollen wir nach Karpacz durch das Lomnitztal (Kociol Lomnicki) wandern und in der Melzergrundbaude eine Verschnaufpause einlegen. Doch leider ist der rot markierte Wanderweg wegen akuter Lawinengefahr gesperrt. Wir wandern also erst einmal zur Hampelbaude zurück und trinken dort einen Kaffee und essen eine Sauerkrautsuppe (poln. Kwasnica). Ein älteres deutsches Ehepaar kommt in die Baude und steht rätselnd vor der Speisekarte, die an der Wand hängt. Die Frau liest die einzelnen Posten der Speisekarte laut vor und bittet Barbara um eine Übersetzung. Was ist ein „Zurek“? Und die „Zupa pomidorowa“? Ich merke den langsam wachsenden Unmut meiner Frau, die nach der anstrengenden Schneekoppenbesteigung eigentlich lieber für ein paar Minuten ungestört Löcher in die Luft starren möchte. Trotzdem liefert sie der älteren Dame geduldig die deutschen Entsprechungen der einzelnen Menüs. „Mit der Sauerkrautsuppe können Sie nicht viel falsch machen“, sagt Barbara schließlich mit einem Augenzwinkern in meine Richtung. Die Dame nickt und bestellt. „Wissen Sie, wie die Baude auf deutsch heißt?“, fragt sie mich anschließend. Heute früh kannte ich den früheren deutschen Namen der Strzecha Akademicka noch nicht. Also muss ich die Frage verneinen. „Wissen Sie, ich glaube meine Mutter war hier einmal, als sie früher durch das Riesengebirge gewandert ist.“ Sie wendet sich ab und geht zum Tresen, hinter dem ein junges Mädchen steht. Die Frau wiederholt ihre Frage und erhält als Antwort einen verständnislosen Blick. Barbara übersetzt die Frage und will etwas über die Geschichte der Baude erfahren. Das Mädchen zuckt gleichgültig mit den Schultern: „Keine Ahnung, früher habe ich hier nicht gearbeitet.“ Das ältere Ehepaar trägt ihre Schüsseln mit Sauerkrautsuppe an einen Tisch und beginnt schweigend die Suppe aus den Schüsseln zu löffeln.
Wir machen uns auf den Weg nach Karpacz. Die schweren Beine tragen uns vorbei an der Teichbaude. Die dünne Eisschicht, die noch gestern teilweise den See bedeckte, ist geschmolzen. Doch so richtig interessiert uns das nicht. Der Weg ins Tal scheint immer länger. Um 17 Uhr erreichen wir unser Hotel. (Text und Foto: Hilbert)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*