Ameisenhaufen Schneekoppe

Baude auf der Schneekoppe
Mit 1.602 m Höhe ist die Schneekoppe der höchste Gipfel des Riesengebirges, über den die Staatsgrenze zwischen Polen und Tschechien verläuft. Auf der polnischen Hälfte der Schneekoppe steht die Baude auf der Schneekoppe (Schronisko Na Sniezce). Foto: Frank Hilbert

Es ist der letzte Tag in Krummhübel (Karpacz). Als Ziel für den heutigen Tag haben wir uns noch einmal die Schneekoppe ausgeguckt. Hinauf geht es aber nicht zu Fuß, sondern mit der Seilbahn. Bis zur Seilbahnstation im Abrahamsloch (Łomnickie Rozdroże) sind es von unserem Hotel nur einige hundert Meter. Genau wissen wir nicht, wann die Seilbahn heute ihren Betrieb aufnimmt. Aber wir wollen so früh wie möglich dort sein, weil es bei den vielen Touristen, die sich im Augenblick in Karpacz aufhalten, ein Hauen und Stechen um die Karten und lange Wartezeiten geben kann. Meine Befürchtungen bestätigen sich nicht. Als wir gegen 10 Uhr an der Seilbahnstation ankommen, sind wir fast die einzigen Touristen. Bereits nach zehn Minuten schweben wir – die Beine baumelnd – in der Luft Richtung Kleine Koppe (Kopa, 1.377 m), die sich knapp unterhalb vom Schlesierhaus – also dem Pass – befindet. Unterwegs müssen wir auf halber Höhe einmal umsteigen.

Fotografieren für Anfänger

Von der Kleinen Koppe haben wir einen Blick, der bestimmt 30 Kilometer in das Landesinnere reicht. Barbara will unbedingt ein Foto von mir und dem Hirschberger Tal im Hintergrund schießen. Ich lasse die gut gemeinten Anweisungen über mich ergehen: „Schau nicht in den Himmel. […] In dieser Pose ähnelst du einem Lenindenkmal. […] Mit zusammengekniffenen Augen siehst du überhaupt nicht vorteilhaft aus. […] Dass die Sonne dir ins Gesicht scheint, musst du schon aushalten können. Wenigstens den kurzen Moment. […] Ich kann durch den Sucher gar nichts erkennen. […] Den Objektivdeckel hättest du ja auch abnehmen können. […] Ich kann immer noch nichts sehen. […] Warum soll ich das Kameradisplay benutzen? […] Du hättest mir die Funktionsweise der Kamera längst mal erklären können. […] Aber damals hast du mir nicht alle Funktionen gezeigt.“

Auf dem Weg zum Schlesierhaus kann ich mich von den Strapazen des Fotografiertwerden erholen. Der Wanderweg führt am Rand des Melzergrunds entlang. Von hier oben sehe ich den Wanderweg, der sich vom Schlesierhaus hinab in den Melzergrund schlängelt und zurzeit wegen Lawinengefahr gesperrt ist. Das ist schade, weil der Weg durch eine landschaftlich sehr beeindruckende Region des Nationalparks Riesengebirge führt. Nicht zuletzt können die Wanderer in der kleinen Melzergrundbaude (ca. 1 Stunde vom Schlesierhaus) einkehren und ihre schweren Beine von der Wanderung verschnaufen lassen. Wir lassen den Melzergrund aber links liegen und laufen vorbei am Schlesierhaus zum „Freundschaftsweg“, der – sich um den Geröllkegel der Schneekoppe schlängelnd – auf den Gipfel führt. Vor einer Woche war der Freundschaftsweg noch gesperrt, weil er auf einigen Abschnitten von meterhohen Schneewehen bedeckt war. Räumfahrzeuge haben inzwischen den Schnee weggeräumt und nun ist er wieder passierbar. Der Gipfel gleicht heute einem Ameisenhaufen. Er ist fast vollständig bedeckt von Wanderern. Die tschechischen Wanderer sind von den polnischen deutlich zu unterscheiden. Sie sehen gut erholt aus, weil sie mit der Seilbahn vom Ort Pec p. Snezkou direkt bis zum Gipfel gefahren sind. Die meisten Wanderer, die von der polnischen Seite den Aufstieg gewagt haben, sind abgekämpft und verschwitzt. Sie haben sich den steilen Zick-Zack-Weg hinauf gequält.

Riesengebirge – Baude auf der Schneekoppe

In der polnischen Baude befindet sich ein meteorologisches Museum, in dem Besuchern die Aufgaben der meteorologischen Wetterstation auf der Schneekoppe erklärt wird. Außerdem gibt es viele Fotos, die den Bau der Wetterstation in den 70er Jahren dokumentiert. Am Eingang des Museums sitzt ein junger Mann und verkauft uns die Eintrittskarten. Ansonsten hat er schlechte Laune. Er lässt sich nicht in ein Gespräch verwickeln und blickt hartnäckig auf den Boden. Wir steigen auf die Aussichtsplattform. Ein einmaliger Blick auf den Ameisenhaufen und die oberen Lagen des Riesengebirges, die wie ein vom Schnee weiß gescheckter Flickenteppich aussehen. Von hier oben können wir sogar die Baude des Polnischen Fernsehens am Schneekessel, den Schwarzberg oberhalb von Janske Lazne und bis tief hinab in einen Felskessel auf der tschechischen Seite sehen, der laut Wanderkarte Upska Jama heißt. Alles hätte so schön sein können, wenn mich nicht beim Hinuntergehen ein alternder Meteorologe in einer roten Fleecejacke wegen meiner Kamera angemacht hätte. Im schroffen Ton motzt er mich an. Was ich mir einbilde, Fotos von ihm zu machen… Ein polnischer Wanderer dreht sich etwas pikiert nach dem Mitarbeiter der Wetterstation um. Anscheinend hält sich dieser Mann in Rot für sehr fotogen. Ich habe allerdings nicht einmal den Versuch unternommen, ihn zu fotografieren. Weil ich keine Lust habe, auf die Hasstirade zu reagieren, drehe ich mich um und gehe wortlos von dannen.

Schwarze Koppe im Riesengebirge

Zurück wandern wir auf dem Pass in östliche Richtung zur Schwarzen Koppe (1.407 m) und weiter zu der alten tschechischen Goderbaude (Pomezni Boudy), wo wir eine Kleinigkeit essen. Ich bestelle am Tresen eine Suppe und ein Bier für Barbara und für mich einen Apfelsaft. Barbara beobachtet die Bestellprozedur und amüsiert sich über den Verkäufer und mich. Der ist so überrascht über den Deutschen, der auf Polnisch eine Bestellung aufgibt, dass er an den zu zahlenden Betrag Kronen hängt und Złoty meint. Wir laufen weiter bis zum Fußgängergrenzübergang am Eulenpass, wo eine Gruppe polnischer Wanderer – erschöpft von der Wanderung – verschnauft. Eine Frau liegt unter dem Wegweiser: „Ich bleibe hier liegen und sage jedem vorbeigehenden Wanderer, wie weit es noch ist.“ (Text und Foto: Frank Hilbert)

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