Schwanzlastig-maullästernd zu leben gelernt: „Beim Häuten der Zwiebel“ von Günter Grass

Titelbild "Beim Häuten der Zwiebel"
Titelbild "Beim Häuten der Zwiebel"

Schicht um Schicht – wie die Schalen einer Zwiebel – trägt Grass die Schleier der Erinnerung ab, um zu immer tieferen Lagen seines Gedächtnisses vorzudringen. Wenn die Zwiebel als Gedächtnisstütze versagt, muss der Bernstein weiterhelfen. Tränen die Augen beim retrospektiven Häuten der Zwiebel noch, so verursacht die Betrachtung der im Bernstein verschlossenen Vergangenheit spürbares Unbehagen: Die Erinnerung tut so manches Mal weh.

Die Zwiebel-Metapher hilft nicht weiter, wenn es um die skandalträchtigen Absätze über Grassens Zeit bei der Waffen-SS geht, die nur wenige Zeilen des fast 500 Seiten dicken Buches ausmachen: „Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben (…)“ Der jugendliche Übermut des 17-jährigen selbsternannten Muttersöhnchens zerschlägt erbarmungslos an Schreckensbildern und Zähnegeklapper des ersten Kriegsgemetzels: Offene Eingeweide, zerfetze Gliedmaßen, allgegenwärtiger Tod lassen das frühmännliche Imponiergehabe zum kindlichen Gewimmer und bepisster Hose zusammenschrumpfen. Grass stellt sich der traumatischen Wucht der Erinnerung – wehrlos, wie sein jugendliches Alter Ego, geschützt durch die Erzähldistanz der dritten Person und die verhärtet fossile Sprache. Mehr Bernstein als Zwiebel.

Doch darf die Zwiebel als feste Zutat schwerer Kost, die Grass – kulinarisch wie literarisch – vorzieht, nicht fehlen. „Habe ich Gäste, kommt grobe Kost auf den Tisch.“ Zu Beginn seines schriftstellerischen Schaffens noch eine kalorienarme „Prosa, die, von Kafka gespeist, an Magersucht krankte“, reifen seine Werke im Laufe der Jahre zum barocken Saumagen heran, prall gefüllt mit deftigen Hechtklößen, Bratkartoffeln mit Sülze und gekochtem Kalbskopf, kennerhaft vermengt mit überschäumenden Adjektiven und ausladenden Metaphern. So auch sein neustes Buch.

Frauen. Sie geben Grassens Romanen die eigentliche Würze. Auf dem Schulweg rotwangig-verschüchtert angeschmachtete lange schwarze Zöpfe, erste feucht-tiefgründige Erfahrungen im frischen Heu, Tochter des Reviersteigers, Annerose, Anna oder Ute. Mal flüchtige Hautreibungen, mal bleibende Seelenanker. Viele waren es und doch in manchen Jahren nicht genug. So verschieden sie waren und so unterschiedlich sie sein Leben beeinflusst haben, eines ist ihnen gemeinsam: Grassens Stimme wird weich, wenn er von ihnen erzählt, nicht eine Spur von Zynismus, selbst die Zwiebel gibt diskret vor, sich an manche Augenblicke, in denen „fleischig die Haut unter der Haut glänzte“, nicht zu erinnern. Ein Frauenbild geprägt durch die geliebte Mutter, Frau eines farblosen Danziger Kolonialwarenhändlers, die andächtig Orient-Zigaretten mit Mundstück rauchte, bei Laune Rauchringe schweben ließ, dem Klein-Günter farbige Zigarettenbilder mit Reproduktionen der Meisterwerke der europäischen Malerei verschaffte und ihm die Leselust einimpfte. Das Bild der Mutter, die dem „kleinbürgerlichen Mief“ und den bescheidenen Möglichkeiten zum Trotz den Wunsch des Sohnes, Künstler zu werden, unterstützte, unrüttelbar fest an dessen zukünftigen Erfolg glaubte, die durch die Flucht aus Danzig und die erdrückenden Kriegs- und Nachkriegserfahrungen immer weniger wurde, um schließlich einen frühen Krebstod zu finden, ist eines der schönsten in diesem Buch.

Allen, die mehr über das Leben und die künstlerische Entwicklung von Günter Grass erfahren und sich an seinem Stil erfreuen wollen, lege ich die Lektüre dieses Buches ans Herz. Der Leser wird schnell merken, dass es vollkommen absurd ist, von Grass die Rückgabe des Nobelpreises zu verlangen. Diejenigen, die am lautesten bellen, haben entweder das Buch nicht gelesen oder eine günstige Gelegenheit gewittert, Grass auf seinen in moralisch-mahnender Geste erhobenen Zeigefinger zu hauen. Unabhängig von den Gründen, die nur ihn selbst etwas angehen, tat er gut daran, den kontroversen Teil seiner Biographie über Jahre hinweg zu verschweigen, denn auch dieses Buch beweist, dass er ein Meister der deutschen Sprache ist und den Nobelpreis absolut verdient hat.

(Barbara Woyno)

Günter Grass
Beim Häuten der Zwiebel
480 Seiten mit 11 Rötelvignetten
Leineneinband mit Schutzumschlag
€ 24, Verlag Steidl
September 2006
ISBN 3-86521-330-8
ISBN 13: 978-3-86521-330-3

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