Polens Weg von der Wende bis zum EU-Beitritt

Einband des Buches

Mit “Polens Weg von der Wende bis zum EU-Beitritt” haben die beiden Autoren Piotr Buras und Henning Tewes ein Buch auf den Markt gebracht, das sich der komplexen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung im Polen der Nachwendezeit widmet. Es gehört zu den wenigen Werken in der deutschen Bücherlandschaft, die die politische Entwicklung in Polen in dieser Zeit beschreibt und untersucht. Dabei gehen die Autoren auf die Widersprüche und die politischen Skandale ein. Sie sprechen Fragen der Verfassungsreform und das Scheitern der Gewerkschaft Solidarität genauso offen an wie die Rolle der katholischen Kirche während und nach dem politischen Umbruch. Faktenreich und übersichtlich behandeln sie die Verhandlungen am Runden Tisch und analysieren die Wirtschaftsreformen unter Finanzminister Leszek Balcerowicz.

Nach Jahrzehnten politischer Abhängigkeit von der Sowjetunion kann Polen seit der Wende seine Außenpolitik nun selbst gestalten. Ein Thema, dem sich Buran und Tewes ausführlich widmen. Sie beschränken sich dabei nicht nur auf eine Aufzählung der Ereignisse, sondern analysieren und suchen Erklärungen in der langen Geschichte des Landes. Die anfänglichen Ressentiments der polnischen Regierung gegenüber der deutschen Wiedervereinigung, der Schulterschluss Polens mit den Vereinigten Staaten von Amerika im Irak und die Aufregung der Polen im Zusammenhang mit dem geplanten Bau eines Vertriebenendenkmals in Berlin thematisieren die beiden Autoren und zeichnen ein differenziertes Bild der Ereignisse. Die Darstellung des Verhältnisses zu Russland nimmt einen umfangreichen Platz ein. Eine Abkühlung der Beziehungen zu Moskau wurde offensichtlich, als der östliche Nachbar im Jahr 1993 Widerspruch gegen eine Mitgliedschaft Polens in der NATO anmeldete. Polen auf der anderen Seite versuchte seine unmittelbaren Nachbarn Weißrussland und die Ukraine aus der russischen Einflusssphäre zu lösen. Ein Aspekt der polnischen Außenpolitik, der in der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt ist.

Die Entwicklungen in Polen zwischen 1989 und dem EU-Beitritt im Jahr 2004 behandeln Buras und Tewes nicht Chronologisch, sondern sie richten die Kapiteln ihres Buches nach Themenschwerpunkten aus. So heißen die Kapitel unter anderem “Staatliche Identität: das Gestern und Heute” und “Gesellschaftlichere Veränderung und populistischer Protest”. Das fünfte Kapitel “Der lange Schatten der Volksrepublik” widmet sich der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Polen, dem Umbau von Staat und Verwaltung und der Strafverfolgung. An dieser Stelle gehen Buran und Tewes leider nur oberflächlich auf die Überwindung der Folgen der SED-Diktatur ein. Tiefergehende Vergleiche mit Strafprozessen in der Bundesrepublik, die sich mit dem DDR-Unrecht beschäftigten, und den Aufgaben der Gauck-Behörde (heute Birthler-Behörde) wären an dieser Stelle für die Beurteilung der Vergangenheitsbewältigung in Polen notwendig gewesen.

Geschrieben haben Buras und Tewes dieses Buch “mit Absicht” zu zweit, “als ein Pole, der das Land von innen kennt, und ein Deutscher, der es von außen betrachtet”. In ihrem Vorwort schreiben sie weiter, dass sie dem deutschen Leser näherbringen möchten, “wie spannend die polnische Gegenwart ist, wie rasant die Entwcklung im Land zwischen Oder und Bug verläuft”. Das ist ihnen in einem sehr kompakten Werk gelungen. Auch wenn sie oft feststellen mussten, “dass Polen ein Studienobjekt ist, das auf einfache Fragen reichlich komplizierte Antworten zu geben beliebt”. Auch deshalb ist das Buch nicht für den schnellen Einstieg in die Materie Polens geeignet. “Polens Weg von der Wende bis zum EU-Beitritt” verlangt dem Leser Konzentration ab, damit er die Fülle an Informationen, Fakten und Zusammenhänge verarbeiten kann.

Der Schwachpunkt des Buches ist dessen Anfang: “Wenn man aus der Warschauer Innenstadt in Richtung Süden fährt, der Pulawska-Straße folgend am Alten Kokotow vorbei, gelangt man an das Lustschlösschen Krolikarnia, welches nach den Kaninchen benannt ist, die sich einst in seinem Park vergnügten.” Der deutsche Leser erfährt allerdings nicht, dass “krolikarnia” von “krolik” abgeleitet wird und übersetzt “Kaninchen” heißt. Solche kleinen Fehler setzen sich auf den folgenden Seiten fort. Auf Seite 14 taucht unvermittelt die Abkürzung OPZZ auf, ohne sie aufzulösen: Gesamtpolnische Vereinigung der Gewerkschaften (Ogólnopolskie Porozumienie Związków Zawodowych). Auf Seite 20 führen die Autoren Tadeusz Mazowiecki als eine Führungsfigur des katholischen Laienmillieus ein. Erst am Ende der folgenden Seite erfährt der Leser, dass Mazowiecki seit 1980 zu den wichtigsten Beratern von Arbeiterführer Lech Wałesa gehörte. Wer jedoch die kleinen Hürden auf den ersten 25 Seiten überwindet, wird mit einer anschaulichen und spannenden Darstellung der Ereignisse in Polen im Zeitraum zwischen dem Runden Tisch und dem EU-Beitritt belohnt. (fh)

Polens Weg von der Wende bis zum EU-Beitritt
von Piotr Buras und Henning Tewes
Hohenheim Verlag, Stuttgart, Leipzig
ISBN: 3-89850-133-7
Preis: 16,90 Euro

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