Polen, da fahr`ich hin – 10 gute Gründe

Cover "Polen - da fahr ich hin"
Cover „Polen – da fahr ich hin“

Polen, da fahr` ich hin
10 gute Gründe

Von Thekla Lange, Weronika Priesmeyer-Tkocz, Eckart D. Startenschulte
Hrsg. vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, erschienen 2008 beim NDW-Verlag

Zunächst war ich ein wenig skeptisch, als ich den Band „Polen, da fahr` ich hin. 10 gute Gründe“ zum ersten Mal in den Händen hielt. Ich hatte mich schon auf die nicht gerade aufregende Lektüre eines dieser traditionellen Reiseführer eingestellt – mit einer eher eintönigen Einleitung über Wetter, Land und Leute, mit alphabetisch aneinander gereihten Sehenswürdigkeiten eingebettet in einen Wust kunsthistorischer Informationsfetzen. Wie üblich in solchen Fällen bereitete mir vorab besonders eine Frage arges Kopfzerbrechen: Wie schreibe ich eine möglichst objektive und den Bemühungen des Autors gerechte Kritik, ohne dass die Buchbesprechung (womöglich noch aufgrund meiner Voreingenommenheit) in einem Verriss mündet? Die Sorge erwies sich diesmal jedoch als unbegründet. Denn – was für eine angenehme Überraschung! Schon die Aufmachung des hier vorgestellten Buches ist ein Genuss und macht aufs Weiterblättern neugierig. Als erstes fallen das handliche Format und die vielen ansprechenden Farbfotos positiv auf. So überraschend der teilweise gewagte Aufnahmewinkel mit dem Gespür für das scheinbar unscheinbare Detail, so ungewöhnlich und überaus gelungenen auch der Ansatz der drei Autoren zur Strukturierung des Inhalts. Das Buch ist in 10 Kapitel – 10 Gründe, die einen Polenbesuch lohnenswert machen – unterteilt. Die einzelnen Kapitel widmen sich in einer sehr anschaulichen und erfreulich objektiven Art den verschiedenen Aspekten der polnischen Gesellschaft und Kultur. Hier und da werden längere Ausführungen durch kurze unterhaltsame, grafisch hervorgehobene Einschübe in Form von Kurzinfos, Tipps und Erfahrungsberichten aufgelockert. Der junge Blick erklärt sich aus der Mitwirkung von Jugendlichen an diesem Buch. Die Zielgruppe, die von dem Buch angesprochen werden soll, sind deutsche Jugendliche und junge Erwachsene, die das Nachbarland Polen privat kennen lernen oder sich im Rahmen einer Projektarbeit dort engagieren möchten. Wie ich finde, haben die Autoren ihr Ziel mit einem „Bravo“ erreicht. Besonders hervorzuheben sei, dass trotz des flotten Schreibstils der Inhalt nicht zu kurz kommt. Die im Buch besprochenen Themen sind sehr informativ, ausgezeichnet recherchiert und leserfreundlich aufbereitet.

Nach so viel Lob und um das Ying und Yang der Rezension in Balance zu halten, folgen an dieser Stelle noch ein paar (wenige) Kritikpunkte. Trotz offensichtlicher Sorgfalt haben sich einige kleine Fehlerteufel eingeschlichen, die mit Hilfe eines gründlicheren Endlektorats vermeidbar gewesen wären. Ich habe mir erlaubt, nachfolgend einige der von mir gefundenen Unstimmigkeiten zu nennen:

Seite 16: Der hier erwähnte Nationalpark „Puszcza Kampinoska“ vor den Toren Warschaus heißt auf Deutsch Kampinoska-Heide oder Heide von Kampinos, aber ganz bestimmt nicht Kempinowska-Heide.

Seite 19: „Wer sich auf die Suche nach den Spuren des multikulturellen Polens der Zwischenkriegszeit machen möchte, sollte sich in den Nord- und Südosten des Landes begeben. Dort, in den ehemaligen Kresy, wie dieses Gebiet genannt wird, war die Bevölkerung besonders bunt.“
Das ehemalige Kresy befindet sich außerhalb des Hoheitsgebiets des heutigen Polen. Die territoriale Festlegung des „Grenzlandes“ wechselte im Laufe der Jahrhunderte. In der Zeit der zweiten polnischen Republik jedoch bezeichnete man als Kresy die östlich der Curzon-Linie gelegenen Gebiete. Daher ist auch der Nordosten des heutigen Polen nicht deckungsgleich mit dem historischen Kresy. Jeder, der in der europäischen Geschichte ein wenig bewandert ist, wird wissen, dass ein großer Teil des heutigen Nordostens von Polen bis 1945 deutsches Staatsgebiet (Ermland und Masuren) war. Auch im Südosten Polens ist Kresy beim besten Willen nicht zu finden.

Seite 49: „Kopytka“ (kleine Kartoffelklößchen, eine Spezialität der polnischen Küche) heißen zu Deutsch nicht „Hüftchen“, sondern „Hufchen“ (wohl weil ihre Form an kleine Hufen erinnert).

Seite 33: Auf dieser Seite findet man eine grau hinterlegte Tabelle mit Links zu Internetseiten, die sich mit dem Thema „Gesellschaft“ befassen sollen. Für mich sind hier die Auswahlkriterien unklar. Die bunt durcheinander gewürfelten Informationen können – jede einzeln für sich – für Polenbesucher sicherlich hilfreich sein, werden aber der anspruchsvollen Überschrift einfach nicht gerecht. Es ist mehr als fraglich, ob sich ein deutscher Jugendlicher einen Überblick über die polnische Gesellschaft verschaffen kann, nachdem er die Datenbank mit Adressen von Milchbars in Polen oder die offizielle Internetseite der UEFA besucht hat.

Und nun abschließend eine persönliche Anmerkung: Bei der Lektüre des Buches dachte ich so manches Mal mit Wehmut an meine Studentenzeit zurück. Damals, in der Mitte der 1990er Jahre, nahm ich regelmäßig an deutsch-polnischen Stundententreffen in Masuren teil. Diese Begegnungen erwiesen sich mit der Zeit als ein überaus fruchtbarer Boden, auf dem fernab der offiziellen Stellen das zarte Pflänzchen der deutsch-polnischen Verständigung gedeihen konnte. Umgeben von der einmaligen masurischen Landschaft, in Kunstworkshops, bei gemeinsamen Sportaktivitäten oder in langen nächtlichen Gesprächen bei gut gekühltem „Zywiec“ tasteten wir – deutsche und polnische Jugendliche – uns ohne irgendwelche Vorgaben oder Richtlinien vorsichtig aneinander heran. Die Erfahrungen, die wir in lockerer Atmosphäre beim voneinander und miteinander Lernen sammeln durften, mündeten nicht selten in tiefen Freundschaften, die bis heute bestehen. Diese Freundschaften sind es, die wie kleine, feste Stränge im Laufe der Jahre zu einem dichten Flechtwerk werden, auf dem das Fundament des heutigen Europa stabil fußen kann.

Das einzige, was ich rückblickend bedaure, ist, dass ich nicht schon damals ein Buch wie „Polen, da fahr` ich hin – 10 gute Gründe“ zur Hand hatte … (fh)

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