25. Juli – Ausflug nach Nałęczów

Park Nałęczów
Die Parkanlage in Nałęczów. Foto: Frank Hilbert

Stanisław Lem ist die ideale Lektüre, wenn man mit einem Kleinbus von Lublin nach Nałęczów unterwegs ist. Es rüttelt wie beim Start einer Ariane-Rakete, bei jedem Schlagloch wird einem schwarz vor Augen, und die Materie (sprich: Bus und Passagiere) droht auf Nimmerwiedersehen verschluckt zu werden. Die Schutzschilder (in Form einer imaginären Klimaanlage) funktionieren auch nicht: Wir zerfließen förmlich vor Hitze. Nach glücklicher Landung am Zielort japsen wir gerade zu nach irdischer Frischluft.

Nałęczów erweist sich als eine wahre Oase. Im Schutz der Bäume erkunden wir die großzügig angelegte Kurparkanlage mit ihren breit verzweigten Alleen, kleinen Schlösschen und Pavillions aus dem 19. Jahrhundert. Trotz des immer währenden und überall augenscheinlichen Konsumtreibens – es gibt schließlich nicht nur Moorbäder und Radoninhalationen der staatlichen Gesundheitsfonds, sondern darüber hinaus auch zahlreiche private Kliniken, Kosmetik- und Massagesalons, die mit überdimensionalen grellen Werbetafeln auf ihre Dienstleistungen aufmerksam machen – legt sich eine unglaubliche Ruhe wie ein träger Schlummerschleier auf die Häupter der Stress geplagten Besucher nieder. Wir setzen uns auf ein Bänkchen unter eine mächtige, Schatten spendende Kastanie und schauen in einer angenehm entspannenden, schläfrigen Stimmung dem munteren Treiben eines Schwans auf dem idyllischen See zu. Die Lider werden immer schwerer…

Privater Feldwebel mahnt zur Eile

Plötzlich reißt mich ein unsanfter Seitenhieb aus meinen süßen Träumen. „Ej, Opa Hilbert, wir dösen hier schon seit zwei Stunden. Eigentlich wollten wir hier doch noch etwas sehen“, vernehme ich wie durch eine Schallmauer hindurch die Stimme meiner besseren Hälfte. Wie in Zeitlupe stehe ich auf, strecke meine Glieder und trotte meiner Frau hinterher. Mein privater Feldwebel hat natürlich wieder mal alles durchgeplant, organisiert und einen strategischen Besichtigungsplan entworfen. Zunächst ist das Malachowski-Palais mit einem kleinen Museum dran, das dem Schriftsteller Bolesław Prus gewidmet ist. Hier höre ich mir geduldig einen Vortrag meiner Frau (Widerstand ist zwecklos!) über das Leben und Schaffen des berühmten Positivisten, über seine Kuraufenthalte in Nałęczów, sein uneheliches Kind, das er hier gezeugt und den Fotoapparat, den er hier 1898 für 22 Rubel (Dieser Teil Polens befand sich zu der Zeit unter russischer Besatzung.) erworben habe, einschließlich Zubehör. Eine bunte Mischung von Informationen, von denen mir ein wenig schwindelig wird. Nun, mein Feldwebel lässt mir aber nicht viel Zeit zur Erholung.

Schon folgt die nächste Attraktion: Die etwas abseits gelegene Villa im Zakopane-Stil, in der ein weiterer berühmter polnischer Schriftsteller, Stefan Żeromski seine Werke schrieb. Im Jahr 1923, drei Jahre nach dem frühen Tod seines Sohnes (der übrigens in einem kleinen Mausoleum im Garten der Villa beigesetzt wurde) verließ der Schriftsteller das Haus für immer. Die 100 Jahre alte Orginaleinrichtung ist bis heute erhalten. (fh)

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