Marienkäfer auf Abwegen

Jammerbucht
Versandeter Leuchtturm an der Jammerbucht. Foto: Barbara Woyno

Angenehm leer sind die breiten Nordseestrände der dänischen Jammerbucht im September. Auch die in Dünen eingebettete Ferienhaussiedlung bereitet sich langsam auf den Winterschlaf vor.

Von freundlichem Naturell

Nur ein sanftes Wellenrauschen durchbricht die erholsame Stille. Ich lasse die Meinen gemütlich schlummern und mache mich leise auf zum morgendlichen Strandspaziergang. Der Nachbarshund wedelt schon vom Weiten fröhlich mit dem Schwanz, als er mich erblickt. Ein halbes Kalb, aber zum Glück von freundlichem Naturell. Die Seinen schlafen auch noch, also begleitet er mich auch heute hinunter zum Wasser. Ich bewundere die Geschicklichkeit, mit der sein unförmiger, schwerer Körper die lange, abschüssige Holztreppe bewältigt, die sich an die Steilküste schmiegt. Der Balanceakt erinnert ein wenig an den Tanz eines Elefanten auf einem Seil.

Triefendes Strandgut

Unten angekommen saust er ungehindert seiner Körperfülle ohrenflatternd auf einen gelben Punkt zu. Der gelbe Punkt schießt in die Luft und landet elegant segelnd auf dem Wasser. „Schlimmer Hund“ – fiept es in englischer Sprache. Der Hund bremst mit allen Vieren, neigt seinen Kopf leicht zur Seite und mustert neugierig den erschrockenen Mann. „Sie brauchen keine Angst zu haben, er will nur spielen“ – ich verpasse dem Hund einen leichten Nasenstüber und versuche, die gelbe Plastiktüte aus dem Wasser zu fischen. Rot leuchtet mir die Aufschrift „Biedronka“ entgegen. „Der Marienkäfer“ – eine große polnische Discounterkette (vergleichbar mit ALDI in Deutschland). Unwillkürlich muss ich schmunzeln. Der Mann zieht einen Flunsch. „Bitte sehr“, sage ich auf Polnisch und reiche dem Mann das triefende Strandgut. Er läuft rot an. „Danke“, antwortet er leise in unser beider Muttersprache, dreht sich um und geht. (bw)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*