Zu Besuch im jüdischen Gebetshaus in Lublin

Jüdisches Gebetshaus in Lublin
Das einzige von 140 jüdischen Gebetshäusern in Lublin, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, steht in der ul. Lubartowska 10. Foto: Frank Hilbert

Ich klingle an der schweren Tür in der Tordurchfahrt der Lubartowska Straße 8 in Lublin. Nach einer Weile bittet meinen Mann und mich eine ältere, quirlige Frau freundlich herein. Wir folgen ihr und steigen die steile, knarrende Holztreppe des jüdischen Gebetshauses hinauf.

„Geschenke“

Es ist das einzige, das im II. Weltkrieg von den Deutschen nicht dem Erdboden gleich gemacht wurde, da es sich außerhalb der Ghettomauern befand. In den Ecken liegen Steine. „Geschenke“, sagt die Frau augenzwinkernd. Sie heißt Wanda Lotter und ist Mitglied des Gesellschafts- und Kulturvereins der Juden in Lublin. Polen haben mit den Steinen die Fenster des Gebetshauses eingeworfen. Immer wieder. Deshalb sind die großen Fenster, die zum Hof hinaus zeigen, auch mit Holzbrettern vernagelt. Aber, betont Wanda Lotter, es handele sich hier um reinen Vandalismus – vermutlich ohne einen antisemitischen Hintergrund. Frau Lotter führt uns in einen kleinen, spärlich eingerichteten Raum, in dem einfache Tische und Stühle im sozialistischen Charme der frühen 70er Jahre stehen. An den Wänden hängen einige Fotos. Wanda Lotter geht zu einer kleinen Gruppe älterer Leute, die an den Tischen sitzen. Wir warten. Bewegung kommt in die Gruppe, als Schritte sich nähern. Ein kleiner schmächtiger Mann kommt die Treppe hinauf. Er hat wache dunkle Augen und ist vermutlich um die 70 Jahre alt.

Von 43.000 Juden in Lublin haben nur 3.000 den Holocaust überlebt

Wanda Lotter und der Neuankömmling gehen durch eine Tür in den früheren Gebetsraum. Mein Mann und ich folgen ihnen. Die Decke des Raumes stützen massive, weiß gestrichene Holzbalken. An den Wänden lehnen dunkle Holzregale mit alten Büchern, Stühle stehen im hinteren Teil des Raumes und an den Wänden hängen Fotografien, die das jüdische Leben in Lublin dokumentieren. In der Mitte des Raumes liegt eine Torarolle auf einem Tisch. Der kleine zierliche Mann beginnt zu erzählen- und ich dolmetsche. Er erzählt, dass vor dem Krieg in Lublin 43.000 Juden überwiegend in den Straßen um das Schloss herum gelebt hatten, dass nur 3.000 von ihnen den Holocaust überlebten, dass viele von ihnen Polen nach dem Krieg verließen, dass die Fotos an den Wänden in den späten 30ern im Auftrag des Lubliner Magistrats angefertigt wurden, da man vorhatte, den jüdischen Bezirk zu modernisieren. Er spricht klar und flüssig und doch spürt man eine gewisse Distanz und Anspannung in seiner Stimme.

Roman Litman
Roman Litman und ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Foto: Frank Hilbert

Schüchternheit kann es nicht sein. Er heißt Roman Litman und ist Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Oft kommen Delegationen aus Israel und Amerika nach Lublin, Litman spricht also häufig vor großen Menschengruppen, wie er es zum Beispiel anlässlich der Sijum Hashas vor einem Jahr getan hatte. Vielleicht rührt die Anspannung daher, dass mein Mann – groß, blond und mit stahlblauen Augen – ein Deutscher ist. Erst nachdem er sich unseres Interesses sicher ist und als wir plötzlich vor der Ausgabe einer jüdischen Zeitung stehen, taut er auf. „Jiddisch, wie Deutsch“, sagt Litman lächelnd in gebrochenem Deutsch. Seine Gesichtszüge entspannen sich. Zwischen uns entwickelt sich ein Gespräch über das frühere jüdische Leben in Lublin. Eine junge Frau und ein junger Mann aus Krakau hören uns zu. „Im Krakauer Stadtteil Kazimierz gibt es wieder eine aktive jüdische Gemeinde“, sagt der Mann. Ich widerspreche ihm. Das jüdische Leben in Krakau sei doch nur noch Folklore, entgegne ich. Litman schüttelt den Kopf. Er erzählt uns, dass in Lublin heute keine jüdischen Gottesdienste mehr stattfinden, da die dafür notwendige Zahl der erwachsenen männlichen Gemeindemitglieder nicht mehr erreicht werde. Zehn müssen es mindestens sein. Die Lubliner Gemeinde sei heute auch nicht mehr selbstständig, sondern gehöre zur jüdischen Gemeinde Warschau. Nach zweieinhalb Stunden verabschieden wir uns von Roman Litman. Wanda Lotta begleitet und zum Ausgang, vorbei an den vielen „Geschenken“.

Ich bin um eine Erfahrung reicher und dennoch ein bisschen nachdenklich geworden: Nur zwei Häuser weiter haben über 50 Jahre lang meine Großeltern gelebt. Über ein jüdisches Gebetshaus in der Nachbarschaft haben sie nie etwas erzählt. (fh/bw)

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