Linguistische Abwege entlang der Pasterze

Gletscher Pasterze
Der Gletscher Pasterze in Österreich. Foto: Frank Hilbert

Gewaltig ergießt sich die Zunge der Pasterze (Gletscher) über das Möllntal am Fuße des Großglockners. Mit einer Gesamtlänge von etwa neun Kilometern ist sie der größte Gletscher Österreichs. Es ist noch sehr früh am Morgen, als wir nach langer Fahrt über die Schwindel erregende Hochalpenstraße die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe erreichen. Der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. Schon wenige Stunden nach unserer Ankunft gibt es auf der Aussichtsplattform mehr Besucher als Murmeltiere in den wie ein schweizer Käse durchlöcherten Berghängen ringsherum. Das mehrstöckige Parkhaus platzt aus allen Nähten, aus dem dichten Gedränge der Reisebusse ergießen sich Rentnerkolonnen aus der ganzen Welt. Erholsam ist anders.

Slawische und Germanische Völker

Aber noch ist früher Morgen, die Murmeltiere sind noch gut gelaunt und munter, und wir haben die Pasterze fast für uns allein. Mich fasziniert nicht nur der atemberaubende Anblick des Gletschers, sondern auch sein Name. Slawisch vorbelastet tendiere ich bei der Aussprache des Namens dazu, die beiden Buchstaben „rz“ zu einem Laut zusammenzuziehen. Mein Mann versucht mich zu korrigieren, doch das Gehirn einer studierten Philologin arbeitet in solchen Momenten auf Hochtouren: Einer der wichtigsten Grundsätze der Toponomastik (Ortsnamenkunde), eines Teilbereichs der Sprachwissenschaft, lautet schließlich, dass das älteste Erbe in der Sprache das Namensgut ist. Schon der Name des Osttiroler Dorfes – Zedlach – in dem wir eine Unterkunft auf einem urigen Bauernhof gefunden hatten, machte mich stutzig. Der vertraute Klang machte sofort Assoziationen wach. Eine kurze Recherche in der – für eine Bergbäuerin beachtlichen – Privatbibliothek unserer Gastgeberin half das Geheimnis zu lüften. Die Kärntner und Tiroler Sprachlandschaft ist das Ergebnis des Einströmens slawischer und germanischer Völker nach dem Untergang des Weströmischen Reichs ins Land. Die Alpenslawen (Vorfahren der heutigen Slowenen) kamen mit der awarischen Oberschicht hierher. (Einer meiner Freunde kommentierte meine Ausführungen mit folgenden Worten: „Da haben die Goten wohl auf ihrem Weg von der Weichsel nach Spanien ihr fußlahmes slawisches Gesinde dort zurückgelassen.)

Koexistenz zweier Sprachen

Bereits im frühen Mittelalter vermischten sich die verschiedenen Völker zu einer heterogenen Bevölkerung, wobei das Bairische (Teil des deutschen Sprachgebiets) das Slawische (Slowenische bzw. Windische) allmählich verdrängte. Die Jahrhunderte lange Koexistenz beider Sprachen ist jedoch bis heute auf der Ebene der Namengebung gegenwärtig. So ist das heutige „Zedlach“ auf das windische „sedlo“ (Sattel, Ort am Bergsattel) zurückzuführen. Weitere Beispiele für den Einfluss des Slawischen auf die Ortsnamengebung sind: „Lipnik“ oder „Lipnitzbach“ (lipa = Linde), Pleschberg (pleš, pleša = kahle, baumlose Stelle), Mariazell (selo = Dorf, Siedlung), Virgen (breg, berg = Ufer, Böschung, Siedlung am Fluss). Auch mit meiner Vermutung bezüglich des Gletschernamens „Pasterze“ lag ich richtig: Er fußt ebenfalls auf slawischen Wurzeln und bezeichnet ein Gebiet, das als Viehweide geeignet ist (vgl. poln. „pasterze“ = Hirten).
Tja, nun konnte ich doch nicht widerstehen, und aus dem ursprünglich geplanten Reisebereicht wurde ein kurzer Exkurs in die Linguistik. (bw)

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