Den „Verjagten“ ein Gesicht gegeben

Historiker Jan M. Piskorski
Historiker Jan M. Piskorski während seiner Lesung im Literaturhaus Kiel. Foto: Frank Hilbert

„Männer haben keine Kartoffeln geklaut. Dabei braucht man Kartoffeln zum Überleben“, sagte der polnische Historiker und Autor des Buches „Die Verjagten“ Jan M. Piskorski heute im Kieler Literaturhaus.

Frauen haben das Überleben nach Kriegen organisiert

Seine Lesebrille hat er fast auf die Nasenspitze geschoben. Während er spricht, wechselt sein Notebook alle paar Minuten in den Energiesparmodus und das Bild des Beamers wird schwarz. Ein vorsichtiges Tippen auf das Touchpad des Notebooks bringt das Bild wieder zurueck. Schwarz-Weiß-Fotos sind zu sehen, von Flüchtlingen verschiedener Nationalitäten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten im 20. Jahrhundert. Fotos von Trümmerfrauen in Warschau und in Berlin. Frauen hätten, so der Historiker, oft die Flucht ihrer Familien und das Überleben nach Kriegen organisiert. Ihre Tagebücher seien bessere Quellen als die von Männern, weil sie über den Alltag schrieben, zum Beispiel darüber, wie groß die Freude über einen großen Kochtopf war. „Mit einem großen Kochtopf konnten sie das Essen für die ganze Familie auf einmal zubereiten. Das hat Zeit gespart.“

Kein Herunterrattern von historischen Fakten

Es war heute eine etwas andere Lesung im Literaturhaus im Kieler Schwanenweg. Kein reines Vorlesen aus dem Buch „Die Verjagten“, kein Herunterrattern von historischen Fakten. Piskorski gab den Vertriebenen ein „Gesicht“, er beleuchtete den psychologischen Aspekt der Flucht und Vertreibung und die Diskrepanz zwischen dem Geschehenen, Erlebten und Erinnerten.

In seinem Buch schreibt Piskorski über die Vertreibung von Griechen und Armeniern nach der Gründung der Türkei, von sowjetischen Deportationen in den 1930er und 1940er Jahren und von den Vertreibungen von Deutschen und Polen gegen Ende des II. Weltkrieges. Ich habe das Buch „Die Verjagten“ noch nicht gelesen. Die Lesung hat mich jedoch neugierig gemacht. Deshalb habe ich mir das Buch gleich im Literaturhaus gekauft und natürlich auch signieren lassen. (fh)

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