Janske Lazne, Trautenau (Trutnov) und Karpacz: tschechische Beschaulichkeit und polnischer Rummel

Johannesbad (Janské Lázně)
Bekannt ist Johannesbad (Janské Lázně) für seine Thermalquellen, die bereits seit dem 13. Jahrhundert für gesundheitliche Zwecke genutzt werden. Foto: Frank Hilbert

Nun wandern wir schon seit über einer Woche durch das Riesengebirge. Oft führen uns die Wanderwege über die Grenze nach Tschechien und wieder zurück nach Polen. In Horni Mala Upa waren wir am vergangenen Mittwoch auch schon. Aber Tschechien pur haben wir noch nicht erlebt. Also müssen wir heute, am 1. Mai, nach Tschechien fahren und uns dabei von den Strapazen der Wanderungen erholen. Janske Lazne (Johannesbad) ist das richtige Ziel für dieses Vorhaben.

Café in der Kurkolonnade in Johannesbad (Janské Lázně)
Café in der Kurkolonnade in Johannesbad (Janské Lázně). Frank Hilbert

Feminin-slawische Verschwörung

Der kleine Kurort mit seinem Kurhaus (Kurkolonnaden genannt) aus dem 19. Jahrhundert hat sich über die Jahrzehnte hinweg seinen dörflichen Charakter erhalten. Knapp unter 1.000 Einwohner zählt der Ort, der in 519 m Höhe liegt. Gegründet wurde er 1680 von Johann Adolf Fürst zu Schwarzenberg. Vom Parkplatz an der Seilbahn sind es etwa 500 m bis in das Zentrum von Janske Lazne, dessen Mittelpunkt das Kurhaus bildet. Die Wände an den langen Seiten des großen Kurhauses bestehen fast ausschließlich aus Bogenfenstern, die knapp über dem Erdboden beginnen und bis unter das Kupferdach reichen. Im Inneren befindet sich ein original erhaltener großer Saal nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts, mit Stuck verzierten Decken und wuchtigen Palmen. Der Raum ist zweigeteilt in ein Cafe und einen Bereich für Kurkonzerte und Tanzvergnügen. Als wir die Kurkolonnaden betreten, sitzen nur einige Gäste im Café. Eine junge Kellnerin – eine überaus freundliche tschechische Roma, mit der Barbara sich eine Weile auf Tschechisch unterhält (Die beiden Damen amüsieren sich über mir Unverständliches und blicken belustigt in meine Richtung. Ich bewahre steinern Haltung gegen die feminin-slawische Verschwörung.) – nimmt die Bestellung auf und bringt mir einen Latte Macchiato, der ein Genuss ist. Ein Genuss nach der langen Kaffeeplürre-Periode in Polen.

Marktplatz von Trautenau (Trutnov) in Tschechien
Marktplatz von Trautenau (Trutnov) in Tschechien mit seinen markanten Laubengängen. Auf dem Marktplatz stehen der Rübezahlbrunnen aus dem Jahr 1892 und die im Barockstil errichtete Pestsäule der hl. Dreifaltigkeit aus dem Jahr 1704. Das Rathaus, an dessen Fassade die tschechische Fahne hängt, wurde, nachdem der Vorgängerbau 1861 abgebrannt war, im Stil der Neogotik errichtet. Foto: Frank Hilbert

Trautenau (Trutnov)

Trutnov (dts. Trautenau), unsere nächste Station, wirkt wie ausgestorben. Auf dem Marktplatz mit seinen vorbildlich restaurierten Laubenhäusern, dem Rathaus und dem 1892 errichteten Rübezahlbrunnen spielt nur ein kleiner Junge. Seine junge Mutter sitzt ein paar Meter entfernt auf einer Bank und beobachtet ihn. Das ist die Stadt, aus der meine Großeltern und der Bürgermeister meiner Heimatstadt Stralsund, Harald Lastovka, stammen. Der sudetendeutsche Dialekt klingt in meinen Ohren. Wenn sich die „Alten“ in meiner Verwandtschaft und im Bekanntenkreis untereinander unterhalten, lebt er wieder auf. Trotz allem weiß ich kaum etwas über die Geschichte der Stadt. Auf der polnischen Seite beschäftigen sich die Menschen inzwischen auch mit der deutschen Geschichte ihrer Heimatorte. Davon zeugen nicht nur die Friedhöfe, auf denen die alten deutschen Grabsteine wieder aufgestellt wurden, sondern auch Gedenktafeln an Häusern, die an bekannte Deutsche erinnern. Eine befindet sich in Krummhübel (Karpacz) im polnischen Teil des Riesengebirges am Eingang der Pension „Dom Nesthäckchen“. Das schmucke Haus hatte der Berliner Kinderbuchautorin Else Ury gehört. Die Berliner Jüdin hatte das Haus 1926 gekauft. Im Januar 1943 wurde sie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort in den Gaskammern ermordet. Kurt Masur, der in Breig (Brzeg), einer Stadt in der Nähe von Breslau (Wrocław) auf die Welt kam,  soll – wie ich gehört habe – in zwei oder drei Wochen Ehrenbürger von Breslau werden. Nach Trutnov kommen viele Deutsche, unter denen die so genannten Heimwehtouristen mit Sicherheit die Mehrzahl bilden. Die Internetseite er Stadt www.trutnov.cz wird diesem Umstand nicht gerecht. Sie bietet zwar Informationen über die Stadt, aber nur in tschechischer Sprache, und am Rathaus hängt (ebenfalls auf Tschechisch) eine Tafel, auf der zu lesen ist: „Die Rote Armee hat unsere Stadt am 9. Mai 1945 befreit.“ Ein differenziertes Geschichtsbild lässt auch die Website des deutschen Vertriebenenvereins „Heimatkreis Trautenau“ (www.trautenau.de) vermissen: Hier wird das Leid der Sudetendeutschen in der Vordergrund der historischen Darstellung gerückt. Ungeschrieben bleibt dagegen das Leid der Trautenauer Juden nach der Angliederung an das Reich 1938, an deren Schicksal heute nur noch eine Gedenktafel an der Stelle erinnert, an der die Synagoge stand. Die Nazis fackelten die 1885 erbaute Synagoge 1938 ab. Und was ist mit den Trautenauer Tschechen nach der Angliederung passiert?

Knedliki und Velkopopovický Kozel

Essenszeit. In der Nähe des Marktes befindet sich ein typisches kleinstädtisches Stammlokal, wie es sie in Tschechien zu Hauf gibt. Ich bestelle meine Forelle auf Tschechisch und die Kellnerin muss sich das Lachen verkneifen. Ich hätte es doch auf Deutsch probieren sollen, wie die drei holländischen Familien am Nebentisch. Meine Frau bestellt natürlich die landestypischen „Knedliki“ mit deftigem Sauerkraut und einem Krug Schwarzbier „Velkopopovický Kozel“ – natürlich auf Tschechisch und ohne von der Kellnerin verlacht zu werden.

Ende der Beschaulichkeit

Zurück in Polen glauben wir in einer anderen Welt zu sein: Vorbei ist es mit der gutbürgerlichen Beschaulichkeit. Im Zentrum von Karpacz tobt der Bär, auf den Bürgersteigen herrscht ein Gedränge und Geschiebe, Cafes, Kneipen und Souvenirläden platzen aus allen Nähten, Kinder plärren, genervte Mütter nörgeln, Autos hupen. Für die Strecke vom unteren Teil der Stadt bis zu unserem Hotel im oberen Teil benötigen wir mit dem Auto länger als bis zur tschechischen Grenze.  (Text und Fotos: Frank Hilbert)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*