Hirschberg – letzter Schultag und magere Ausbeute in den Buchhandlungen

Rathaus in Jelenia Gora (Hirschberg)Der Bus hält vor einem Haus aus rotem Backstein, das schon seit vielen Jahren sanierungsbedürftig sein muss. Wind und Wetter haben den Mörtel zwischen den Ziegelsteinen herausgepult und die weiße Farbe blättert von den Fensterrahmen. Es ist der Bahnhof von Kowary (Schmiedeberg). Heute früh sind wir um 9.22 Uhr mit dem Bus aus Karpacz in Richtung Jelenia Góra aufgebrochen und haben uns unterwegs entschlossen, in Kowary einen Zwischenstopp einzulegen. Ich gehe auf den einzigen Bahnsteig des Bahnhofs. Zwischen den Gleisen spriest das Unkraut ungehindert in die Höhe. Vom verandaartigen Vorbau aus Holz blättert die Farbe ab. Ich bin überrascht, als ich aus dem ersten Stock des Hauses Stimmen höre. Ich blicke in die Höhe und sehe Gardinen hinter ungeputzten Scheiben. Tatsächlich ist das Bahnhofsgebäude bewohnt.

Schmiedeberg ist ein alter Bergbauort aus dem Mittelalter. Hier wurden bis zum dreißigjährigen Krieg Eisenerze abgebaut und an Ort und Stelle verarbeitet. Die Voraussetzungen dafür waren ideal. Es gab Wasser und Holz als Energieträger. Verarbeitet zu Koks lieferte es die nötige Hitze, die für die Verarbeitung des Erzes notwendig war. Nach dem II. Weltkrieg erlebte der Bergbau in Schmiedeberg noch einmal einen Aufschwung. In der Zeche R-5 im oberen Teil des Ortes ließen die Sowjets Uranerz für ihre Atombomben abbauen. Einige Stollen von damals können heute mit Führung besichtigt werden. Wir gehen in das Zentrum des Ortes. Das Wahrzeichen der Stadt ist die Pfarrkirche St. Marien mit ihrem hohen Glockenturm, der schon von weitem sichtbar ist. Die spätbarocke Kirche stammt aus dem 17. Jahrhundert. Hier beginnt auch die verkehrsberuhigte Prachtstraße von Kowary, an deren Ende das klassizistische Rathaus steht.

Nach zwei Stunden fahren wir weiter nach Jelenia Góra (Hirschberg). Im Bus sitzen zwei Abiturientinnen vor uns und tratschen ohne Unterbrechung. Beide sind mit Stöckelschuhen, weißen Blusen und kurzen Röcken heraus geputzt. Eine der beiden – mit kurzen schwarzen Haaren – zählt die Fehler ihres Ex-Freundes auf und schmückt sie mit zahlreichen Details aus. „Zuerst war ich so verliebt, dass ich seine Fehler gar nicht bemerkt habe“, erinnert sie sich. „Aber nach und nach ist das makellose Bild verblasst, das ich von ihm hatte.“ Dabei kramt sie in ihrem Handtäschchen, das bis zum Rand mit Kosmetik gefüllt ist, fischt einen Lippenstift heraus. „Ich hatte heute früh überhaupt keine Zeit, mich zu schminken“, sagt sie. „Macht nichts“, erwidert ihre Freundin, „das kannst du in der Schule auf der Toilette nachholen.“ Das sei aber blöd, weil sie keinen Haarglätter dabei habe, ist die Antwort. Ihr Handy klingelt. Am anderen Ende ist ihr neuer Freund. „Du holst mich vom Busbahnhof ab“, wird er instruiert.

Unser erster Weg in Hirschberg führt uns zur Touristeninformation, von wo wir uns einen Stadtplan holen wollen. Vorbei geht es an einer riesigen Baugrube, in der Arbeiter stehen und mit Spaten die Keller von alten Häusern freilegen. Vielleicht sind sie beim Ausheben der Grube auf die Überreste aus der Vergangenheit gestoßen. Hirschberg ist von den Zerstörungen des II. Weltkrieges weitestgehend verschont geblieben. Dem Besucher präsentiert sich deshalb eine Stadt mit Häusern aus den unterschiedlichsten Epochen. Jugendstilhäuser reihen sich an Häuser aus der Gründerzeit und der Marktplatz ist von Bürgerhäusern aus der Barock- und Rokokozeit gesäumt, unter deren Arkaden sich zahlreiche Geschäfte, Restaurants und Cafes eingerichtet haben. In der Mitte des Platzes steht das klassizistische Rathaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts mit seinem weithin sichtbaren Turm. Der Marktplatz strahlt mit seinen vielen Cafes südländisches Flair aus. Ein bisschen wie in Italien oder Südfrankreich. Die Cafebesitzer haben auf dem Platz Tische aufgestellt, an denen – unter riesigen Sonnenschirmen – Gäste sitzen und schwatzen. Der Eindruck wird von einem makellos blauen Himmel verstärkt. Das Thermometer zeigt über 20 Grad Celsius an. Wir nehmen unter einem der vielen Sonnenschirme Platz. Ein paar Tische weiter sitzt eine lustige Runde von Bier trinkenden Abiturienten. Die Mädchen in Stöckelschuhen, kurzen Röcken und weißen Blusen, die Jungs – noch ein bisschen unsicher – in dunklen Anzügen. Der Stimmungspegel der Gruppe hat bereits seinen Höhepunkt erreicht. Zwischen dem schrillen Lachen der Mädchen gehen die Bassstimmen der Jungs völlig unter. Aus Richtung Rathaus nähern sich weitere Gruppen fein heraus geputzter Abiturienten. Sie tragen rote Mappen unter ihren Armen, die Zeugnisse. Die Kastanienblüte, die Zeit der Abiturprüfungen in Polen, hat noch nicht begonnen. Erst aus den Abendnachrichten erfahre ich, dass heute der letzte reguläre Schultag für die Schüler der obersten Klassenstufe war.

Wir flüchten vor den Horden von Abiturienten in Richtung Pfarrkirche. Barbara macht unterwegs Abstecher in sämtliche Buchhandlungen, Antiquariate und Drogerien. Ein Geduldspiel für mich. Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich habe Urlaub. Der erste seit zehn Monaten. Zum Glück für mich ist Barbaras Ausbeute in den Buchläden nicht besonders groß. Sonst hätte ich die Bücher die ganze Zeit durch die Stadt und am Ende bis Karpacz schleppen müssen. Nach der obligatorischen Besichtigung aller Kirchen (gotische Pfarrkirche, Russisch orthodoxe Kirche, Gnadenkirche zum Heiligen Kreuz) machen wir auf den Weg zu unserer letzten Station. In der ul. Chałubińskiego befindet sich das Riesengebirgsmuseum. Es hat nur bis 15.30 Uhr geöffnet. Wir sind fünf Minuten zu spät. „Glück gehabt“, sagt Barbara. (Text und Foto: Hilbert)

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