Riesengebirge: Erinnerungsfotos und verstopfte Wanderwege

Großer Teich im Riesengebirge
Blick auf den Großen Teich im Riesengebirge. Rechts in der Ferne ist die Schneekoppe zu sehen, der mit 1.602 m höchste Berg im Riesengebirge. Foto: Frank Hilbert

Drei Schritte nach rechts und der Blick über die Felskante (1.400 m) geht hundertfünfzig Meter in die Tiefe. Am  Grund des Felskessels schimmert das Wasser des Großen Teiches blau und smaragdgrün in der Sonne. Schnee bedeckt den Wanderweg und formt sich am Rand des Felsenkessels zu einer überhängenden mächtigen Schneewehe. Ein eiskalter Wind weht mir entgegen und lässt meine Hände vor Kälte erstarren. Ich laufe im Gänsemarsch zwischen einer Gruppe älterer Damen aus Posen, die in ausgelassener Stimmung sind und alle paar Meter stoppen, um Erinnerungsfotos zu schießen. Verdenken kann ich es ihnen nicht. Der Ausblick von hier oben über die Berge bis hinüber zur Schneekoppe ist eindrucksvoll und gehört auf den Chip gebannt.

Verlängertes Wochenende – Wandern im Riesengebirge

Seit gestern ist es in Karpacz und im Nationalpark mit der Ruhe zu Ende. Wie die Termiten sind polnische Touristen in Karpacz eingefallen und verstopfen die Wanderwege im Riesengebirge. In Polen gibt es in dieser Woche zwei Feiertage. Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit und der 3. Mai der Verfassungstag. Viele haben die Gelegenheit genutzt und an den Brückentage genommen. Neun freie Tage für nur drei Tage vom Jahresurlaub.

Dreisteine im Riesengebirge
Wanderer am 1.423 m hoch gelegenen Mittagsstein im Riesengebirge. Foto: Frank Hilbert

Der Wanderweg führt jetzt leicht abwärts in Richtung der „Mittagsstein“ (1.423 m). Der Steinhaufen aus Granit überragt den Brückenberg um etwa 20 Meter und ist heute ein beliebtes Wanderziel. Dutzende Wanderer sitzen auf den auf der Erde liegenden Steinen und erholen sich vom Ab- oder Aufstieg; Frauen und Männer in jedem Alter und Kinder, die zwischen den Steinen umher tollen. Vom „Mittagsstein“ aus führt der gelb markierte Weg hinab zur ausgedehnten Waldwiese (Polana), einer ausgedehnten, teilweise sumpfigen Wiese in 1.000 bis 1.200 m Höhe. Wir studieren vor dem Abstieg die Wanderkarte. Der Weg nach unten ist kurz und steil. Die Markierungen am Wanderweg geben als Wanderzeit eine dreiviertel Stunde an. Der Weg ins Tal führt durch niedriges Knieholz. In deren Schatten ist an vielen Stellen der Schnee liegen geblieben. Mühselig ist der Abstieg durch den Schneematsch über glatte Steine. Ein unachtsamer Schritt und schon könnte ich auf der Nase liegen. Barbara rennt wie Speedy den Berg hinunter und ist kaum noch zu sehen. Mein einziger Trost sind die Leidensgenossen, die mir schnaufend und schwitzend mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern entgegenkommen. Ich mache bereitwillig Platz und lasse jeden von Ihnen vorbei.

Sonnenschein und Schokoladenwaffeln

Die nächste Pause legen wir an den „Dreisteinen“ (25 m hoch) ein. In dieser Höhe wärmt die Sonne bereits wieder. Ich ziehe meine mit einem Fleeceteil gefütterte Jacke aus und blinzle in die Sonne. Barbara knabbert schon wieder an ihren leckeren Schokoladenwaffeln. Hoffentlich hat sie mir eine übrig gelassen, denke ich. Kaum zu Ende gedacht, bietet sie mir schon die letzte Hälfte an. Unterdessen sind die älteren Damen aus Posen angekommen. Ich habe sie kaum gehört. Die Anstrengungen des Abstiegs haben sie verstummen lassen. Eine von ihnen erkennt mich wieder, lächelt mich an und grüßt: „Cześć“ (dts.: Hallo.).

Sumpfige Waldwiese (Polana) im Riesengebirge
Befestigte Wege aus Holz führen über die Waldwiese (Polana), sumpfige Wiesen in der Nähe von Krummhübel (Karpacz). Foto: Frank Hilbert

Von nun an ist der Weg ein Spaziergang. Über die sumpfigen  Waldwiesen führt der Wanderweg mit geringem Gefälle. Wir laufen auf Holzstegen, die angelegt worden sind, damit die Wanderer nicht durch die sumpfige Wiese waten müssen. Die weitläufige Waldwiese ist von niedrigem Gras bewachsen, zwischen dem das Wasser in der Sonne glitzert. Wir treffen auf den schwarz markierten Wanderweg, der von Karpacz zur kleinen Teichbaude führt und den wir heute früh hinauf gestiefelt sind. Dort, wo der gelbe und der schwarz markierte Wanderweg aufeinander treffen, steht ein überdachter Unterstand. An dieser Stelle soll einmal die Schlingelbaude (Schronisko im. Bronka Czecha) gestanden haben, die 1966 abgebrannte ist.

Gegen 16 Uhr erreichen wir die Kirche Wang in Karpacz Górny. Die Sonne strahlt jetzt die Eingangsseite der norwegischen Stabkirche an. Die idealen Lichtverhältnisse für einige Fotos: die Kirche Wang und im Hintergrund ist der höchste Gipfel des Riesengebirges zu sehen, die Schneekoppe. (Text und Foto: Frank Hilbert)

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