ZDF-Film „Eure Mütter, eure Väter“

 

Was sich als leichtes Unbehagen angebahnt hatte, verwandelte sich bereits nach wenigen Minuten in tiefe Verärgerung. Im dritten Teil des ZDF-Spielfilms „Unsere Mütter, unsere Väter“ überfallen Partisanen der polnischen Heimatarmee einen von deutschen Soldaten eskortierten Güterzug. Waffen werden erbeutet, die in den Viehwaggons zusammengepferchten KZ-Häftlinge jedoch ihrem Schicksal überlassen.„Stinkende Juden“, entschlüpft des dem Mund des Anführers der polnischen Partisanen. Nur ein (deutscher) Jude aus der Partisanengruppe riskiert für die Befreiung der Gefangenen sein Leben und erntet dafür von seinen polnischen Kameraden, die ihn als Juden ihre Verachtung spüren lassen, teils Hohngelächter und teils beschämte Blicke. Der (deutsche) Zuschauer hat keine Zweifel (mehr): Polen sind verbissene Antisemiten und für den Holocaust verantwortlich.

Spielfilm ohne Anspruch auf historische Vollständigkeit

Der Film löste nicht nur bei mir Empörung aus. In ganz Polen wird scharfe Kritik an der Darstellung der polnischen Widerstandskämpfer als Antisemiten laut. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski rief die polnischen Zuschauer sogar über ein soziales Netzwerk dazu auf, sich beim ZDF zu beschweren. Wie wenig Sinn solche Proteste haben, zeigt die Reaktion eines Geschichtsprofessors, der an dem Dreiteiler als historischer Berater mitgewirkt hatte. Es sei schließlich nur ein Spielfilm ohne Anspruch auf historische Vollständigkeit, kommentierte der Professor lapidar die polnischen Vorwürfe. Ein beunruhigend salopper Kommentar, der sich beim näheren Betrachten jedoch nahtlos in die aus meiner Sicht etwas beunruhigende Tendenz bei der Aufarbeitung der Gräuel des Zweiten Weltkriegs in der aktuellen deutschen Geschichtsforschung fügt. Politische Korrektheit, als Gewissen getarnt, gesteht den Juden (vorerst noch) die Opferrolle zu. Die Russen als Opfer konnten nicht anders, als zu Tätern zu werden. Abgesehen davon haben sie den Krieg gewonnen, und der Sieger ist immer im Recht. Der brave deutsche Soldat wurde nur durch unglückliche Umstände zum Täter und ist eigentlich ein Opfer seiner Zeit. Und der Pole? Weder Täter noch Opfer, nur ein europäischer Nestbeschmutzer, ein primitiver Antisemit, ohne dessen Widerspenstigkeit es bei den Abtretungsforderungen des Polnischen Korridors keinen Krieg und keine Vertreibung aus den Ostgebieten gegeben hätte.

An dieser Stelle möchte ich kurz eine Begebenheit aus dem Leben meines Großvaters anführen, die vielleicht nicht stellvertretend für alle Polen steht, jedoch vielleicht meinen persönlichen Bezug zum Thema und meine Verärgerung über den Film verständlicher macht. Mein Großvater, Offizier der Polnischen Armee (ab Februar 1942 der Polnischen Heimatarmee) und Träger des höchsten polnischen Militärordens Ordens Virtuti Militari war im Krieg in Wolhynien (Ostpolen) stationiert. Nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion und dem Einmarsch der deutschen Truppen in das bis dahin von den Sowjets besetzte Ostpolen verhalf das Regiment meines Großvaters unter Lebensgefahr zahlreichen Wolhynier Juden zur Flucht. Fast sechs Jahre lang leistete mein Großvater vorwiegend im Untergrund aktiven Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Sein Name stand auf sämtlichen deutschen Fahndungslisten. Was den Deutschen in diesen sechs Jahre nicht gelungen war, schafften die Sowjets innerhalb nur weniger Wochen nach ihrem Einmarsch in Polen im Januar 1945. Als Mitglied einer kommunismusfeindlichen Organisation wurde mein Opa verhaftet und drei Monate lang vom NKWD in einem Verließ schwer gefoltert. Anschließend wurde er von einem Militärgericht zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Bereits Ende Dezember 1945 wurde er unerwartet freigelassen. Wie er später erfahren sollte, verdankte er die Entlassung unter anderem dem unermüdlichen Einsatz eines jüdischen Mädchens, das er 1939 aus Wolhynien rausgeschleust und das er zu seiner Schwester gebracht hatte, wo es unter einem falschen Namen und mit gefälschten Papieren als Haushaltshilfe getarnt den Krieg überlebte. (bw)

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