Dokumentationszentrum: Steinbach will mitreden

Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) und ehemalige Nicht-Vertriebene gießt erneut Öl ins Feuer der deutsch-polnischen Beziehungen. Sie möchte unbedingt in den Stiftungsrat des geplanten Berliner Dokumentationszentrums „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ einberufen werden. Die Nominierung Steinbachs durch den BdV erzürnte die polnischen Gemüter. Der Deutschland-Beauftragte der polnischen Regierung und in Polen als Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg und Mitbegründer einer Organisation, die Juden aus dem Warschauer Ghetto rettete, hoch verehrte Prof. Władysław Bartoszewski bezeichnete die Bemühungen Steinbachs um einen Sitz im Stiftungsrat des geplanten Berliner Dokumentationszentrums als „Unanständigkeit“ und einen Beweis dafür, dass die polnische Regierung sich in ihrer Versöhnungspolitik geirrt habe.

Natürlich kann man den Polen Wahrnehmungslücken in Bezug auf die Tätigkeit des Bundes der Vertriebenen oder eine unangemessene Hysterie in Anbetracht des eher geringen Bekanntheitsgrads Frau Steinbachs in Deutschland vorwerfen. Darüber hinaus ist Prof. Bartoszewski dafür bekannt, dass er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und dabei manchmal übers Ziel hinausschießt.

Und dennoch: Obwohl bereits siebzig Jahre seit dem Überfall Deutschlands auf Polen vergangen sind und die tiefen Wunden, die die Deutschen dem polnischen Volk in den Jahren 1939-45 zugefügt hatten, durch eine freundschaftliche deutsch-polnische Annäherungs- und Versöhnungspolitik vernarbten, sind der Zweite Weltkrieg und die brutale Besatzungspolitik Deutschlands ein Trauma im Bewusstsein der polnischen Nation geblieben, an dessen vollständigen Überwindung noch einige Generationen werden arbeiten müssen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass die Polen – vor allem diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg unmittelbar erlebt hatten – auf den ubekümmerten Umgang der Deutschen mit diesem Teil der deutsch-polnischen Geschichte sensibel reagieren.

Folglich ist es auch nicht verwunderlich, dass Frau Steinbach, die 1990 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt, später Bedenken gegen die Aufnahme Polens in die EU geäußert und sich als „falsche“ Vertriebene ausgegeben hat (Der Vater war deutscher Besatzungssoldat in den Nähe von Gdingen, wo Steinbach 1943 auf die Welt kam.) in Polen ein rotes Tuch ist. Jemanden, der mit einer recht eigenwilligen Geschichtsinterpretation („Ohne Hitler, ohne den Nationalsozialismus hätten all die Wünsche, Deutsche zu vertreiben, die es in der Tschechoslowakei (…), die es in Polen schon davor gegeben hat, niemals umgesetzt werden können.“ – aus einem Interview mit Erika Steinbach vom 5.09.2006 im Deutschlandradio) an die Öffentlichkeit tritt, zum Brückenbauer zwischen zwei Völkern berufen zu wollen, ist wohl wie den sprichwörtlichen Ziegenbock zum Gärtner zu machen. Diese Tatsachen werden in Deutschland entweder nicht verstanden oder bewusst ignoriert.

Im Herbst 2009 stehen die Bundestagswahlen an. Selbstverständlich wäre es von Angela Merkel unklug, durch den Ausschluss Steinbachs den Verlust des stimmgewichtigen Wählerpotentials aus den Reihen des Bundes der Vertriebenen zu riskieren. Was liegt daher näher, als die Frage nach der Berufung des Beirats für die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ elegant auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Ach, wäre Erika Steinbach doch der Papst, dann könnte frau sie ohne diplomatische Lavierungen nach Herzenslust rügen!
(Barbara A. Woyno)

Siehe auch:
http://www.nzz.ch/2003/10/20/fe/article95p7b_1.318520.html

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