Doktor oder Doktorin

Für große Heiterkeit bei ihren männlichen Landsleuten sorgte die polnische Sportministerin Joanna Mucha, als sie vor wenigen Tagen in einer TV-Talkrunde auf die Frage des Moderators, wie sie angeredet werden möchte, antwortete: „Sagen Sie doch einfach Frau Ministerin zu mir“. Damit es auch die deutschen Leser verstehen: In der polnischen Sprache ist die weibliche Form für „Minister“ (aus dem Lateinischen abgeleitet „ministra“) nicht gebräuchlich. Daher klingt die „Ministerin“ in den Ohren eines polnischen Muttersprachlers genauso kurios, wie z. B. die „Doktorin“ in den Ohren eines Deutschen. In Deutschland jedoch erkannte man schon vor Jahren im Zuge der Emanzipation der Frau die Notwendigkeit des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs.

Feminisierte Formen von Amts- und Berufsbezeichnungen und sonstiger Anreden, wie zum Beispiel Magistra(e), PilotInnen oder BürgerInnen, sind zumindest im offiziellen Sprachgebrauch sogar vorgeschrieben. Dass sich diese Formen in der Alltagssprache noch nicht richtig durchgesetzt haben, beweist u. a. die bereits erwähnte „Doktorin“. Oder sprechen Sie Ihre Ärztin etwa mit „Frau Doktorin Meyer“ an? Es wäre auf jeden Fall korrekt, klingt aber immer noch irgendwie schräg. Vielleicht liegt es weniger an der ungewöhnlichen Form „Doktorin“, als vielmehr an dem Pleonasmus. (Bei der Verwendung der Anrede „Frau“ geht man schließlich davon aus, dass der Doktor weiblichen Geschlechts ist.) Es stellt sich die Frage, ob die gesetzlich auferlegte Feminisierung der Sprache überhaupt sinnvoll ist. Als Frau kann ich die Frage nur bejahen. Wenn die Sprache die Realität widerspiegeln soll, muss sie auch die Anwesenheit der Frau in dieser Realität berücksichtigen. Über Jahrhunderte beanspruchten die Männer für sich alle Bereiche, die mit Macht und Prestige zu tun hatten. Eine „Frau Doktor Meyer“ war meist die Ehefrau eines Doktor Meyer und genoss durch die Anrede allenfalls eine Aufwertung ihres Hausfrauendaseins. Heute wird kaum einer anzweifeln, dass eine „Frau Doktor Meyer“ selbst studiert und promoviert hat. Und morgen wird vielleicht die „Frau Doktorin Meyer“ im alltäglichen Sprachgebrauch dieselbe Selbstverständlichkeit genießen wie die „Frau Bundeskanzlerin“.

„Vergewaltigung der polnischen Sprache“

Einer der Gurus für alle Fragen, die mit korrektem Gebrauch der polnischen Sprache zu tun haben, ist Jerzy Bralczyk, Professor für Sprachwissenschaften an der Universität Warschau und Mitglied des Polnische Sprachrates, einer Organisation zur Bewahrung und Pflege der polnischen Muttersprache. Die Forderung der Ministerin nach der weiblichen Anredeform verglich er mit einer „Vergewaltigung der polnischen Sprache“.

Tja, was würden Sie sagen, wenn man den Spieß umdrehen würde, Herr Professorin Bralczyk? (bw/fh)

Ein Gedanke zu „Doktor oder Doktorin“

  1. Doktorin wäre in Ordnung, wenn die weibliche Form nicht wäre. Hätte man(n)/Frau ein bisschen im lateinischen Wörterbuch geforscht, würde dieser Fehler auffallen. Ebenso bei anderen Wörtern aus dem Lateinischen, wie z.B. Professor, Junior, Senior, Mentor usw. Aber in der Sprache fast nur männliche Formen benutzt werden, wäre es für viele nur Chaos. Das Gleiche betrifft auch das Französiche: z.B Ingenieur usw.

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