Die Hölle der Frauen – katholische Kirche in Polen

Erstkommunion in Tschenstochau. Foto: Frank Hilbert
Erstkommunion in Tschenstochau. Foto: Frank Hilbert

Die katholische Kirche hatte schon immer ein Problem mit den Frauen. Jahrhunderte lang schrieb die selbsternannte männliche Domäne ihnen vor, wie sie zu leben und was zu denken haben und wie sie von ihrem Unterleib „Gebrauch“ machen dürfen. Selbst die von der Verfassung garantierte Trennung von Religion und Staat und die hart erkämpfte gesetzliche Verankerung der Gleichberechtigung von Mann und Frau konnten nicht am regressiven Beton unter den Ornaten und dessen starken Einfluss auf die Gesellschaft rütteln. Besonders deutlich tritt die Verachtung der Frau beim Thema Empfängnisverhütung und Abtreibung zu Tage. Die Erstere wird von der katholischen Kirche als „pfui“ verboten, die Zweitere aus vermeintlicher Sorge um das ungeborene Leben als Mord – und somit Todsünde – verurteilt. Das Wohl der werdenden Mutter dagegen verschwindet aus dem Blickfeld dieses Paradigmas, selbst wenn die Schwangerschaft die Gesundheit oder das Leben der Frau gefährdet. Restriktive Abtreibungsgesetze sorgen für Angst, Verzweiflung und Tränen. Bereits 1930 hatte der polnische Arzt und Publizist Tadeusz Boy-Żeleński den Mut gehabt, diese verlogenen Praktiken der Fremdbestimmung des weiblichen Körpers als „die Hölle der Frauen“ zu bezeichnen.

Heute, achtzig Jahre später, jonglieren selbst die liberalsten unter den polnischen Politikern mit den Worten, wenn sie Stellung zur gesetzlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs beziehen sollen. Der Grundtenor lautet: Wozu etwas ändern, was sich seit Jahren bewährt hat? Offenbar sah das Frau Alicja Tysiąc anders, der trotz einer attestierten Gefährdung ihres Augenlichts in Polen das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch verweigert wurde. Ihr Kind kam zur Welt, sie selbst ist nun fast blind. Frau Tysiąc klagte vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg gegen den polnischen Staat und bekam eine Entschädigung von 25.000 Euro zugesprochen. Kurz darauf kommentierte die katholische Zeitung „Der Sonntagsgast“ auf eine höchst widerwärtige Art und Weise das Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Frau Tysiąc ließ sich vom Druck der Öffentlichkeit nicht mürbe machen, verklagte kurzerhand die Zeitung wegen Rufschädigung und Beleidigung und erhielt – diesmal vor einem polnischen Gericht – Recht. Kleine Erfolge, die zeigen, dass offenbar ein zaghafter Ruck durch die polnische Gesellschaft geht. Vielleicht wissen auch die polnischen Politiker die Zeichen der Zeit zu deuten und kapieren endlich, dass nicht die sabbernden, die polnischen Städte mit Großaufnahmen von zerstückelten Embryonen verklebenden Fundamentalisten, sondern die rund 20 Millionen in Polen lebenden Frauen den größeren Teil ihrer potentiellen Wählerschaft ausmachen. (bw)

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