Deutsch-Polnische Gesellschaft: „Wir stehen in der Verantwortung“

Der Bundesvorstand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft hat auf seinem Treffen vom 10. bis 12. November in Berlin eine Erklärung zum deutsch-polnischen Verhältnis veröffentlicht. Die von der Vorsitzenden, Angelica Schwall-Düren, und der Kuratoriumsvorsitzenden, Rita Süssmuth, unterzeichnete Erklärung trägt den Titel „Wir stehen in der Verantwortung“.

Der Wortlaut der Erklärung:

„Wir sind beunruhigt. Wir sorgen uns um die in den vergangenen Jahrzehnten erreichte deutschpolnische Verständigung und wenden uns an die deutsche und polnische Öffentlichkeit. Beunruhigt sind wir über die in den letzten Jahren zunehmenden Versuche, eine zukunftsgerichtete Partnerschaft zwischen Polen und Deutschland in Frage zu stellen. Wir stehen in der Verantwortung: Leidvolle Erfahrungen haben die Geschichte der Nachbarschaft unserer beiden Völker geprägt. Die Teilungen Polens unter Beteiligung Preußens im 18. Jahrhundert, der unter deutschen Eliten im 19. und 20. Jahrhundert weit verbreitete Antipolonismus, der verbrecherische Angriffskrieg von 1939 mit der Ermordung vieler Millionen Polen, darunter die fast vollständige Vernichtung des polnischen Judentums während der deutschen Okkupation und die verheerenden Zerstörungen des Landes haben tiefe Wunden bei der polnischen Bevölkerung hinterlassen. Eine Folge des Weltkriegs waren auch die Flucht, die Vertreibung und die Zwangsumsiedlung von Millionen Menschen aus ihrer angestammten Heimat. Das damit verbundene Leid ist für viele Familien eine bis heute prägende Erfahrung. Angesichts dieser Geschichte blicken wir voller Dankbarkeit auf das, was in den letzten Jahren für die deutsch-polnische Partnerschaft erreicht wurde. Wir waren Zeugen historischer Gesten der Versöhnung: Angefangen von der Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Brief der polnischen Bischöfe, dem Kniefall Willy Brandts in Warschau über die wechselseitige Friedensbezeugung von Tadeusz Mazowiecki und Helmut Kohl während der Kreisauer Versöhnungsmesse, die Rede von Außenminister Władysław Bartoszewski vor dem Bundestag bis hin zur Danziger Erklärung der Präsidenten Aleksander Kwasniewski und Johannes Rau.

Der Grenz- und Nachbarschaftsvertrag von 1990 und 1991 besiegelt diese an Versöhnung und Verständigung orientierte Politik. Sie hat Polen und Deutsche einander so nahe gebracht wie nie in den letzten beiden Jahrhunderten. Auf beiden Seiten haben viele Persönlichkeiten, gesellschaftliche Initiativen und Politiker dazu beigetragen: die Kirchen, katholische Laien, die Solidarność-Bewegung, deutsche Gewerkschafter, Vertreter des polnischen Exils, die antikommunistische Opposition in der DDR, Publizisten, Künstler und Übersetzer, Unternehmen und Unternehmerpersönlichkeiten, Stiftungen, Städtepartnerschaften sowie Vereine, darunter die Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Wir stehen in der Verantwortung: Der Beitritt Polens zur NATO und zur Europäischen Union bietet die große Chance für die endgültige Überwindung des deutsch-polnischen Gegensatzes sowie für eine dauerhaft friedliche Entwicklung unseres Kontinents. Die deutsch-polnische Aussöhnung und die europäische Integration sind daher unsere gemeinsame Zukunft, die nicht durch den Rückgriff auf alte Feindbilder – eines vermeintlichen innenpolitischen Nutzens wegen – geopfert werden darf. Wir appellieren daher an alle, denen das deutsch-polnische Verhältnis am Herzen liegt: Die Politik der Partnerschaft und Freundschaft, die seit 1989 in Europa so viel Gutes erreicht hat, muss im Interesse der Zukunft fortgesetzt werden. Wir, die Unterzeichnenden, werden auch weiterhin im Geiste des Vertrauens und der Verständigung zwischen unseren Staaten handeln und unsere gemeinsame Zukunft im vereinten Europa sehen.“

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