„Polenaktion“ – mein Großonkel berichtete

Artikel "Beschämende Wahrheit"
Artikel „Beschämende Wahrheit“ von Włodzimierz Lencki.

Bei meinen Familiennachforschungen stoße ich immer wieder auf Informationen, die mir für einen deutsch-polnischen Blog geeignet scheinen und die ich mit meinen Lesern teilen möchte. So auch jetzt, nachdem ich in einem Online-Archiv einen interessanten Zeitungsartikel meines Großonkels Władysław Woyno gefunden habe. Władysław, studierter Jurist und politischer Journalist, war trotz seiner adligen Herkunft ein überzeugter und engagierter Sozialist. Unter dem Pseudonym Włodzimierz Lencki publizierte er in den 1930er Jahren gesellschaftskritische Beiträge in polnischer Tages- und Wochenpresse.

„Polenaktion“

Nach der Machtergreifung Hitlers berichtete er regelmäßig als Auslandskorrespondent aus Deutschland. Am 24. November 1938 erschien in der „Głos Społeczny” (einer sozialkritischen und politisch meinungsbildender Tageszeitung)  unter dem Titel „Beschämende Wahrheit“ seine Reportage über die katastrophalen Zustände in einem Auffanglager vor dem deutsch-polnischen Grenzübergang Neu Bentschen (heute: Zbąszynek), in der tausende polnische Staatsbürger jüdischen Glaubens kampierten. Diese wurden im Zuge der sog. „Polenaktion“ Ende Oktober 1938 aus Deutschland abgeschoben.  Aus Furcht vor einer Masseneinwanderung der im Deutschen Reich lebender Juden nach Polen, verweigerte die polnische Regierung ihnen die Einreisegenehmigung. (Bereits im März 1938 verabschiedete das polnische Parlament ein Gesetz, das die Möglichkeit vorsah, polnischen Staatsbürgern, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland lebten, die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen.) Die logistische Herausforderung der Zwangsausweisung aus Deutschland überforderte die polnischen Behörden total. Erst nach heftigen Protesten des polnischen Außenministeriums wurde die „Polenaktion“ eingestellt.

Pogrome gegen Juden

Unter den aus Deutschland Deportierten befanden sich auch die Eltern des 17-jährigen, in Paris lebenden Herschel Grynszpan. Um auf die Situation der Juden aufmerksam zu machen, schoss er am 7. November 1938 auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst von Rath, der zwei Tage später seinen Verletzungen erlag. Die Nationalsozialisten nahmen das Attentat zum Anlass, um am 8. November 1938 Pogrome gegen die Juden auszulösen.

Der Autor des o.g. Artikels floh übrigens nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen im September 1939 in die Sowjetunion.  Er sollte den Krieg nicht überleben: Noch vor dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Kriegs im Juni 1941 starb er unter nicht geklärten Umständen in Moskau. (bw/fh)

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