20. Juli 2008 – Abfahrt in Kiel und Ankunft in Lublin

Krakauer Tor in Lublin
Das Krakauer Tor in Lublin. Foto: Frank Hilbert

Der Sommerurlaub beginnt. Diesmal steht ein Familienbesuch in Lublin an. Wir starten in Kiel um 4.45 Uhr mit dem Auto. Der Verkehr ist trotz beginnender Sommerferien dünn. Unsere Route führt von Kiel über Bad-Segeberg (B 404), die A 24 und den Berliner Ring. Die Hauptstadt schläft noch, kaum Autos unterwegs. Um 9 Uhr passieren wir die Grenze bei Frankfurt/Oder. An der Landstraße hinter der Grenze fallen uns Schilder auf, die auf eine historische Sehenswürdigkeit hinweisen: den Ostwall. Der Ostwall, eine Befestigungsanlage aus dem II. Weltkrieg, spielte gegen Ende des Krieges keine strategische Bedeutung, weil die Rote Armee sie einfach umging.

Vor Posen (Poznan) beginnt die neue, mautpflichtige A 2. Bei gemütlichen 130 Stundenkilometern (Höchstgeschwindigkeit auf polnischen Autobahnen) fahren wir an Posen und Radom vorbei in Richtung Łodź. Was fällt mir zu Łodź ein? Zentrum der Textilindustrie, Ghetto während des II. Weltkriegs, eine hervorragende Filmschule, die Regisseure wie Roman Polański und Andrzej Wajda hervorgebracht hat. In Łodz biegen wir zu früh ab und quälen uns durch den Innenstadtverkehr (Wann bewilligt mir mein Finanzminister endlich ein Navigerät? Antwort des Finanzministers: Ein aktueller Autoatlas tut`s auch.).

Kampf auf polnischen Straßen

In Piotrków Trybunalski erblicken wir aus der Ferne die Kirche, in die mein Schwiegervater als Kind von seiner Großmutter zu Morgenmessen geschleppt wurde. Gegen 15 Uhr passieren wir das Ortseingangsschild von Radom. Die Straßen der Stadt sind mit Schlaglöchern übersät, tiefe Spurrinnen halten unseren Wagen auf der „Ideallinie“. Teilweise ist nur Schritttempo möglich. Immerhin wird hier der Straßenbelag erneuert. Vor Puławy schlängelt sich die Straße über einen Hügel. Von oben blicken wir auf das Stadtpanorama. Die Stadt begrüßt den Besucher mit dicken qualmenden Schloten. Eine nagelneue Autobrücke leuchtet rot und grün in der Sonne. Auf dem letzten Stück bis Lublin herrscht dichtes Gedränge auf der Straße. Ungeduldige Autofahrer überholen an unübersichtlichen Stellen, ohne jedoch Zeit zu gewinnen. Nach den Überholmanövern kleben sie hinter dem nächsten Pkw oder Kleinlaster fest. Nach 13 Stunden und über 1.000 zurückgelegten Kilometern erreichen wir Lublin.

„Augen zu und Mund auf.“

Barbaras Tante begrüßt uns überschwänglich an der Tür ihres Hauses. Trotz unserer heftigsten Proteste bekommen wir noch ein opulentes Abendmahl vorgesetzt. Unvermeidbar quillt mir die Kascha langsam aus den Ohren. Barbara zuckt mit den Schultern. „Augen zu und Mund auf, sonst machst du dich gleich am ersten Tag unbeliebt. Das ist hier halt so“ , grinst meine Frau nicht ohne eine gewisse Schadenfreude in der Stimme. Da die Garage im Haus von Barbaras Tante eher für Automobile aus den 1920-er konzipiert worden ist, bringen wir nach dem Essen unseren Wagen auf einen bewachten Parkplatz. Der Parkplatzwächter ist wie jeder Parkplatzwächter in Polen ein kleiner König. Zur Begrüßung schmollt er. Er müsse erst einmal schauen, ob er noch einen freien Stellplatz habe. Ach, drei Wochen wollen Sie bleiben? Ein Hauch von einem Lächeln huscht über seine Lippen. Ach, gerade eben sei noch ein Stellplatz frei geworden, ein schöner Stellplatz, im Schatten, zwischen zwei Autos, deren Besitzer sehr umsichtige Fahrer seien. Er weist mich in die Parklücke ein. „Noch ein Stück“, ruft er und fuchtelt mit den Armen. Ich tippe das Gaspedal an und rolle noch 0,5 cm zurück. Noch nicht ganz. Er fuchtelt weiter mit den Armen. Wieder setze ich 0,5 cm zurück. Jetzt stehe ich richtig, gibt mir der Chef zufrieden zu verstehen. Barbara schwatzt mit ihm noch eine Weile über das aktuelle und das angekündigte Wetter, lobt die günstige Lage des Parkplatzes, bringt uns geschickt in Erinnerung (Wir stellen dort fast immer den Wagen ab, wenn wir in Lublin sind .), erkundigt sich nach dem Wohlbefinden des krummbeinigen Ratlers des Kollegen – und schon ist das Eis gänzlich gebrochen. Wir bekommen 30 Prozent Rabatt und die herzlichsten Segenswünsche mit auf den Nachhauseweg. (fh)

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