29. Juli: Wanderung durch Langfuhr und Jäschkental

Weder Ausländer noch im  Ausland lebende Inländer haben es in diesem Land einfach. Die Fahrkarten des innerstädtischen Öffentlichen Verkehrs gelten leider nicht für die Schnellbahn, die zwischen Gdansk (dts. Danzig), Gdynia (dts. Gdingen) und Sopot (dts. Zoppot) verkehrt und mit der wir Wrzeszcz (Langfuhr) erreichen wollen. Nach langer Lauferei erklärt man uns, dass wir zum SKM-Schalter in der Unterführung des Danziger Hauptbahnhofs müssen. Die Fahrkarten werden auch nicht im Zug, sondern an den eigens dafür aufgestellten gelben Automaten am Bahnhof entwertet.

Conradinum – Schule, die Günter Grass besucht hat

Nach ca. 6 Minuten Fahrt erreichen wir Langfuhr (Wrzeszcz). Wir bewegen uns heute auf den Spuren von Günter Grass und wollen uns darüber hinaus die hübschen Villen von Jaśkowa Dolina (Jäschkental) anschauen. Vor uns die erste Station, das „Conradinum“. Diese Ehrfurcht einflößende, erdrückend wirkende Lehranstalt aus Backstein hat Grass in den 30-ern besucht und u. a. in seinem letzten Werk „Beim Häuten der Zwiebel“ beschrieben. Vorbei an der in einer hübschen Villa untergebrachten Konsulat der Bundesrepublik Deutschland und an der schmucklosen, eher tristen Baltischen Oper laufen wir über den Akademischen Park (1956 auf einem alten Friedhofsgelände angelegt) zum Campus der Technischen Hochschule. Das Hauptgebäude aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit seiner prächtig geschmückten Fassade sowie die umliegenden Gebäude der einzelnen Institute sind eine interessante Sehenswürdigkeit.

Jäschkental – verspielte Villen

Weiter geht es in die ulica Matejki, die von palastähnlichen, jedoch stark verfallenen Bürgerhäusern umsäumt ist. Von hier aus sind es nur noch wenige Gehminuten zum Jäschkental. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden hier zahlreiche verspielte Villen. Besonders sehenswert sind das Haus der Familie Steffens im Stil der Neo-Renaissance sowie eine Backsteinvilla mit Turm von 1899. Das hübscheste Haus von allen steht in der ulica Pawłowskiego: eine märchenhafte Villa nach dem Entwurf von Henenhanf, die sehr der „Villa Wiesental“ von Gerhard Hauptmann im Riesengebirge ähnelt. Heute ist hier ein Altersheim untergebracht. Der Zahn der Zeit hat an dem Haus deutlich genagt, das umliegende Gärtchen wird jedoch von den hier lebenden älteren Damen gehegt und gepflegt.
Auf der anderen Seite der Gleise, die Wrzeszcz durchschneiden, steht in einem schlichten Arbeiterviertel (ulica Lelewela 13, früher Labesweg) das Wohnhaus der Familie Grass. Ein hundert Meter weiter wurde in einer kleinen Grünanlage zu Ehren des berühmten Stadtsohns eine Bank mit der bronzenen Figur des Oskars Mazerath aus der Blechtrommel aufgestellt.
An dieser Stelle beenden wir unsere Tour durch Wrzeszcz und fahren mit der nächsten Bahn in die Danziger Innenstadt.

Anziehungsmagnet Dominikanermarkt

Nach den fast idyllisch ruhigen Stunden in Wrzeszcz werden wir am Hauptbahnhof von einer gewaltigen und genervten Menschenmasse überrollt. Gestern hat der Markt des Hl. Dominik, kurz Dominikanermarkt, begonnen, und am heutigen Sonntag scheint ganz Polen nach Danzig zu strömen. Ruppig geht es zu. Nach einem längeren Aufenthalt in Skandinavien, wo natürliche, uneigennützige Hilfsbereitschaft mit einem Lächeln im Gesicht zum selbstverständlichen zwischenmenschlichen Umgang gehören, fühle ich mich in Polen – und zwar nicht nur heute, in dem Gedränge in Danzig – in die Steinzeit zurückversetzt. So wird man zum Beispiel beim Betreten eines polnischen Ladens nur selten gegrüßt, sondern zunächst nach der Schwere des Geldbeutels taxiert. Unaufgeforderte Hilfe seitens des Verkaufspersonals sollte man nicht erwarten. Spricht man eine Verkäuferin an, wird sie – so Gott will – das gewünschte Produkt mit beleidigter Miene und verächtlich vorgeschobener Unterlippe herbeiholen oder gleich Schultern zuckend „Nie ma“ („Haben wir nicht“) grunzen. Beim Bezahlen ist grundsätzlich jeder Schein zu groß („Kann nicht wechseln“), das Rückgeld wortlos auf den Tresen geknallt. Heute habe ich in der Danziger Altstadt die folgende Szene beobachtet: Zwei Jugendliche liefen in Begleitung ihres Vaters an einem ausgemergelten, schwarzen Straßenkätzchen vorbei. „Ej, gib dem Mistvieh doch einen ordentlichen Tritt, wenn es keinen Platz macht“, sagt der größere der beiden Jungs. Der kleinere holt gehorsam aus, die Katze springt erschrocken zur Seite. Der Vater der netten Jungen grinst zufrieden über sein breites Bulldogengesicht. (fh)

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