25. Juli: Karlskrona – Gdynia

Die Überfahrt von Karlskrona nach Gdynia verläuft enttäuschend ruhig. Nicht eine Spur von Seegang, obwohl es draußen in Strömen regnet. Die Fähre steuert unbeirrt ihr Ziel an. In den Passagierkabinen lullt das monotone Motorengeräusch in den Schlaf ein.
Am frühen Morgen Hektik: duschen, ein schneller Kaffee, eiliges Zusammenpacken des wenigen Handgepäcks. Bereits eine halbe Stunde vor dem Einlaufen in den Hafen von Gdynia rücken die Putzkolonnen an und bereiten die Kabinen für die neuen Passagiere vor. Wir verfolgen das Einlaufen der Fähre in den Hafen vom Oberdeck aus mit. Der Wind trägt die harten Hammerschläge und das Zischen der Schweißbrenner von den umliegenden Schiffsdocks der Werft zu uns herüber. Bunte Stahlcontainer leuchten grell vor dem grauen Hintergrund des Himmels. Kurz vor 7 Uhr dürfen wir zum Autodeck und staunen dort über die Präzision, mit der die Deckarbeiter die PKW und LKW platzsparend in Abständen von wenigen Zentimetern voneinander eingewiesen haben. Nach und nach schlängelt sich die Autoschlange über die hohe Rampe zum Fährterminal hinunter. Bei der Passkontrolle fragen wir einen freundlichen Grenzbeamten nach dem kürzesten Weg nach Oksywie (Oxhöft), einem Stadtteil von Gdynia, das in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts von der polnischen Kriegsmarine angelegt wurde. Frank macht einige Fotos von dem halbrunden Vorbau der Kriegsmarineakademie und von dem nüchternen Kubus der Garnisonskirche. Anschließend geht es schnurstracks ins Zentrum von Gdynia. Die ersten verhaltenen Regentropfen verwandeln sich plötzlich in schwere Klatscher. Die Straßen von Gdynia sind nass, grau und wirken wie ausgestorben. Wir stellen den Wagen auf einem Parkplatz direkt am Hafen in der Nähe vom Kościuszko-Platz und sprinten durch den Regen in ein nah gelegenes Hotel. Hier frühstücken wir erstmal ausgiebig. Der Wettergott meint es gut mit uns, denn während wir noch im Frühstückssaal des Hotels den Kaffee schlürfen, reißt die Wolkendecke auf und zarte, zaghafte Sonnenstrahlen spähen hervor. Die Straßen füllen sich mit den ersten Touristen. So können auch wir doch noch trockenen Fußes die Stadt erkunden.

Nach der Besichtigung des Museumsschiffes und Zerstörers „Błyskawica“ (wohin ich wider meinen Willen und unter viel Gezeter und Erpressungsseufzern mitgeschleift werde) sowie der gesamten Hafenanlage und nach einer langen Shoppingtour auf der zentral gelegenen, langen Einkaufsstraße, brechen wir am frühen Nachmittag zu unseren Freunden nach Danzig auf, bei denen wir den Schlüssel für unser Ferienhäuschen in Mierzeszyn abholen sollen. Normalerweise dauert die Fahrt dorthin ca. 20 Minuten. An diesem Tag ist jedoch gar nichts normal. Bereits nach wenigen Minuten landen wir in einem Stau. Was wir nicht gewusst haben: Es wird eine neue, direkte Schnellstraße gebaut, die die Danziger Innenstadt mit dem Dreistadt-Ring und einem Industrie- und Einkaufzentrum außerhalb verbinden soll. Nur zäh bewegt sich die Blechlawine vorwärts. Erst nach gut zwei Stunden erreichen wir das Haus unserer Freunde. Da wir müde sind und so schnell wie möglich das Haus beziehen wollen, bleiben wir nicht lange in Danzig.

Auf der Fahrt zum Ferienhaus halten wir noch in einer Autowerkstatt an, um eine Radventilkappe zu besorgen. In der Serviceabteilung für Autoteile lösen wir eine wahre Verwaltungslawine aus. Um die benötigte Ventilkappe (ein Plastikteil von einem Durchmesser von 0,5 cm im Wert von 5 Cent) zu bekommen, muss zunächst der Computer mit unseren kompletten Daten wie Name, Anschrift, Automarke, Fahrzeugidentifizierungsnummer etc. gefüttert werde. Die Prozedur dauert fast eine geschlagene Stunde und verschlingt 6 Seiten Druckerpapier. Der Sachbearbeiter entschuldigt sich bei uns, aber so sei halt das Bestellverfahren bei Nissan. Ein weiterer Kunde, der unseretwegen aufgehalten wird, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Hätten Sie etwas gesagt, hätte ich Ihnen so ein Ding einfach gegeben“, sagt er. Zu spät. Nun ist das „Ersatzteil-Bestellverfahren“ in vollem Gange.

Es wird Abend, wir sind müde und fragen uns, was für Hürden uns noch auf dem Weg zu unserem Reiseziel erwarten. Beim Verlassen der Werkstatt wedelt uns von einem Sandhaufen aus freundlich ein Hunderigelschwänzchen zu. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sticht ein scheußlicher Betonklotz mit außerirdisch anmutenden Antennen ins Auge, an deren Enden Metallkugeln mit pusteblumenartigen Fühlern baumeln. Darunter ein Leuchtschriftzug: „Willkommen im Paradies“. Frank und ich fangen wie auf Kommando an zu lachen. Das Lachen vergeht uns aber schon bald, als wir im nächsten Stau stecken bleiben. Als sich einer Dreiviertelstunde nichts tut, beschließen wir, an der nächsten Nothaltebucht zu wenden und die 20 km, die wir bereits zurückgelegt haben, zurückzufahren. Über eine Schnellstraße und einen kleinen Umweg in Richtung Kościerzyna erreichen wir schließlich – leicht genervt von den vielen Abenteuern – Mierzeszyn. (bw)

Ein Gedanke zu „25. Juli: Karlskrona – Gdynia“

  1. meine gute Freundin war auch vor kurzem in Gdynia, sie war total begeistert. Jetzt steht in meinem Regal eine Tasse mit der Wortschrift „Gdynia“.

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